Schokoherzen in Himbeereis

„Ist doch alles nur scheiß Kommerz! Die wollen damit nur Geld machen, sonst nichts. Pah, Tag der Liebe am Arsch …“ Daniel hatte sich immer weiter in Rage geredet und ich konnte nur da sitzen und es über mich ergehen lassen. Ich seufzte. Er nervte schon seit zwei Wochen wegen Valentintstag. Wie dumm und unnötig und Geldmacherei dieser Tag doch war. Ich musste gestehen, er ging mir damit deutlich mehr auf die Nerven als all die Pärchen, um uns herum, zusammen. Die waren jetzt alle still beieinander und feierten ruhig ihren Tag der Liebe. Vermutlich hatten sie Sex – wenigstens die. Ich atmete nochmals tief aus. Daniel hielt trotzdem nicht die Klappe.
„Du bist doch nur frustiert, weil du niemand hast“, sagte ich schließlich und wow, plötzlich war er still. Endlich. Ich hätte keinen weiteren Satz ertragen, ohne ihn zu strangulieren. Sein entsetzter Blick änderte daran auch nichts. Gut, ich war selbst Single und hatte leider leider nicht die Möglichkeit jemand ein überteuertes, kitschiges Geschenk zu machen oder eines zu bekommen. Aber ehrlich, ich konnte damit leben. Ich war drei Jahre in einer Beziehung gewesen, heute wollte ich es genießen, im Pyjama auf der Couch zu sitzen und absolut gar nichts vorzuhaben. Na ja, ich hätte es genossen, wenn da nicht Daniel wäre. Er sah mich übrigens immer noch so an, als hätte ich ihm ein Messer in den Rücken gerahmt. Immerhin schwieg er dabei.
„Jetzt schau nicht so, ist doch wahr!“, brach ich schließlich dieses vorwurfsvolle Schweigen, warf dabei meine Hände in die Höhe. Möglicherweise fühlte ich mich ein bisschen gemein, weil ich unsere vermeintliche Kameradschaft gebrochen habe. Trotzdem, seine Valentinsdepressionen waren einfach nicht zum Aushalten!
„Ich bin nicht frustriert“, presste er hervor.
„Natürlich.“ Ich verdrehte die Augen.
„Du hast doch auch niemand“, gab er schließlich trotzig zurück. Als wäre das ein Argument für irgendwas … Mir war der Tag schlichtweg egal. Deshalb fand ich auch, ich musste nichts mehr darauf erwidern. Stattdessen drehte ich den Fernseher etwas lauter, so konnte ich ihn leichter ignorieren. Zu meiner Verteidigung: Das war seit drei Jahren der erste Valentinstag, an dem ich tun konnte, was ich wollte. Daniel wusste das nicht zu schätzen, sonst würde er mir nicht so den Tag verderben!
Der hatte auch nichts besseres zu tun, als sich weiter nach hinten zu lehnen, die Arme zu verschränken und mit einer Schmollmiene auf die Mattscheibe zu starren. Vielleicht stellte er sich auch endlich der Wahrheit. Er war unglücklich single. Ich nicht. Ein bisschen tat er mir ja leid, dass er so darunter litt. Änderte jedoch nichts an meinen eigenen Gefühlen.
„Bist du nie einsam?“, fragte er schließlich mit einer belegten Stimme.
„Nein, eigentlich nicht.“ Ich war selbst ohne eine zweite Person vollständig, deshalb kam ich wohl gut alleine zurecht.
„Ernsthaft? Auch nicht nach deiner Trennung?“
Irritiert runzelte die Stirn. Es war seltsam, Daniel so offen darüber reden zu hören. Wir waren Kumpels. Wir sprachen nicht über Trennungen, Beziehungen … oder Gefühle. Das waren Themen, für die wir uns nie nah genug gestanden hatten. Und es vermutlich nie tun werden.
„Ich bin froh, wieder Single zu sein.“ War schließlich meine ehrliche Antwort. Ein Freund, der mich besser kannte, hätte die Reaktion mehr verstanden. Daniel wusste nicht, dass ich einer von denen war, die gerne für sich waren. Prinzipiell suchte ich auch nie nach einer Beziehung, sondern sie ergaben sich plötzlich.
Jetzt war es an Daniel, ungläubig den Kopf zu schütteln. Ich wusste, er würde es nicht verstehen. Warum genau musste ich mich damit herumschlagen? Weshalb wollte mir Daniel eigentlich so unbedingt auf die Nerven gehen? Wir hatten so viele … Warte, nein. Okay, in unserem Freundeskreis gab es momentan nur Pärchen. Frühjahr, schreckliche Sache. Trotzdem fühlte ich mich von ihm benutzt. Seine Frustration konnte man doch auch allein in seinem kleinen Kämmerchen pflegen.
„Willst du ein Eis?“, fragte ich ergeben. Das Schmollen nervte nämlich auch und womöglich munterte ihn das etwas auf, oder lenkte ihn zumindest ab.
„Was für eines?“ Er linste zu mir herüber, die Augen leicht zusammen gekniffen, aber sein Interesse war klar zu erkennen. Tja, dreiundzwanzig Jahre alt und immer noch mit Süßigkeiten bestechlich!
„Erste Liebe.“ Ich hob ermahnenden meinen Finger, weil er bei dem Namen sofort das Gesicht verzog und dazu ansetzte, etwas zu sagen. Ich kam ihm aber zuvor. „Es ist ein Special zu Valentinstag und super lecker, und ich freue mich jedes Jahr darauf, wenn es wieder im Sortiment ist! Das ich das mit dir teile, ist ein großer Beweis meiner Freundschaft!“ Tatsächlich hortete ich einen kleinen Vorrat im Kühlfach, den ich bewachte wie einen Drachen. Aber endlich Ruhe zu haben, wäre es mir wert, das Eis mit Daniel zu teilen.
Von ihm kam erstmal nur ein undankbares Seufzen, fast so, als würde ich ihn zwingen diese Köstlichkeit zu essen. Offensichtlich hatte er seine Freude daran, es mir schwer zu machen. Musste ich mir aber nicht geben. Ich stand auf und ging in die Küche. Auch wenn es hier nur einen gab, der ein Eis verdient hätte – nämlich mich – holte ich zwei kleine Schalen aus dem Schrank und den gut bewachten Schatz aus der Tiefkühltruhe. Während ich eine vernünftige Menge an Eis in beide Gefäße verteilte, überlegte ich, ob ich eine meiner kostbaren Eiswaffeln für Daniel opfern sollte, entschied mich aber dagegen. Soweit reichte meine Freundlichkeit nicht.
Als ich wieder das Wohnzimmer betrat, klebte sein Blick am Fernseher. Anhand des Slogans war klar, das Valentinswerbung lief. Für Sexspielzeug. Danach für Blumen. Beides erzeugte die selbe Emotionen auf seinem Gesicht: Abscheu und Wehmut. Etwas wie Mitleid regte sich in mir und ich hob ihm die Schale mit dem Eis hin.
„Danke.“ Er lächelte sogar ein bisschen, als er die Köstlichkeit entgegennahm.
„Keinen Ton mehr über den heutigen Tag, okay?“, warnte ich ihn noch vorsorglich. Sonst würde ich ihm nämlich das Eis wieder wegnehmen und selbst essen! Da kannte ich nichts.
„Aber…“
„Nein! Kein Wort mehr!“ Ich schaute ihn drohend an. Per se war mir Valentinstag egal, aber nicht, wenn man mir penetrant damit auf den Sack ging. Ich nahm mir deshalb einen großen Löffel Eis und ließ es langsam im Mund schmelzen. Oh ja, das war der gute Scheiß! Ich fühlte mich gleich deutlich besser!
„Hmm…“, war Daniels kurzer Kommentar. „Das Eis ist aber echt lecker.“
„Ich weiß.“ Ein breites Grinsen zog sich über mein Gesicht. Ich wusste eben, was gut war.
„Du hattest schon immer Geschmack.“ Irgendwas in seinem Tonfall ließ mich aufhorchen. Da stimmte etwas nicht. Ein Kompliment von ihm?
„Ähm, danke…“, antwortete ich zögerend. Was sollte ich dazu sagen?
„Hast du heute eigentlich noch was vor?“ Er sah dabei auf das Eis, als er das fragte. Ich runzelte die Stirn. Jetzt begann er damit, den Löffel abzulecken. Was zur Hölle? Vertrag er das Eis nicht?
„Ich denke nicht … warum?“ Wehe, er sagte jetzt etwas Falsches! Die letzten Wochen war er ständig hier gewesen, hatte mir wegen dem Tag der Liebe in den Ohren gelegen, ständig meine Aufmerksamkeit beansprucht! Und nun fing er anzuflirten? Ich kannte diesen Blick, die Art, wie er die Wörter langsamer betonter als sonst! Ich war nicht dazu da, dass er den Frust über sein Singledasein an mir auslassen konnte! Ich war kein Trostpflaster.
„Nur so.“ Ein kurzes Zwinkern. Dieser Mistkerl! Jetzt aß er ganz unschuldig sein Eis weiter, verfolgte die Sendung im Fernseher. So als könnte er kein Wässerchen trüben. Da war was faul. Macht das der Valentinstag aus ihm? Hoffentlich war er morgen wieder der Alte. Der etwas verpeilte, aber lustige Typ, mit dem gut Party machen konnte und der jeden Scheiß mitmachte. Der Grund, warum wir überhaupt Freunde waren. Scheiße, den wollte ich zurück.
„Wir könnten Sex haben.“
Ich verschluckte mich am Essen, pfefferte die Schale auf den Couchtisch. WTF?! Ich rang nach Luft und um meine Fassung. Ja, ich hätte nicht überrascht sein sollen. Daniel war nicht der Typ für Subtilität. Das war mir deutlich zu aggressiv. Vor allem für einen Kerl, der bisher nie echtes Interesse an mir gezeigt hatte. Aber gerade heute dann doch?
„Was?“ Als er das fragte, legte er seinen Kopf etwas schief, lächelte unbedarft. Dieser Wichser!
„Ich … du … ich meine …Nein! Einfach nein!“ Ich hob die Hände abwehrend hoch. Vielleicht in einer anderen Situation, an einem anderen Tag, in einem anderen Kontext. Aber so? Bestimmt nicht! Er hatte immerhin schon Eis von mir bekommen.
„Warum nicht?“ Daniel blinzelte überrascht. „Ich müsste doch den Typ sein, oder nicht? Ich seh deinem Ex ziemlich ähnlich!“
„Nein, tust du nicht!“ Nur ein bisschen, die Haare und die Augen und die Statur … Darum ging es ja eigentlich gar nicht! „Und ganz ehrlich, ich bin nicht dafür da, dass du deinen Valentinsfrust bei mir los wirst!“ Dafür war ich mir auch zu schade. Es kam nur ein Lachen als Reaktion. Was zur …
„Ich meine nicht mich, sondern den Valentinstag.“ Ich verdrehte die Augen. Meine Eltern hatten mich mit den furchtbaren Namen Valentin gestraft und ich hatte mir schon als Kind dumme Witze darüber anhören müssen. Mittlerweile stand ich über sowas, heute nicht. Nicht mit Daniel.
„Aber du kannst einen auch ganz schön frustrieren.“ Während er das sagte, hatte er ein amüsiertes Funkeln in den Augen. War das alles kalkuliert von ihm? Ich hatte wirklich das Gefühl, als hätte er auf diesen Moment hingenervt. Wollte er Mitleid? Mitleidssex, je nach dem.
„Niemand zwingt dich, hier zu sein“, erwiderte ich und klang dabei trotziger, als mir lieb war. Ts, dem hatte ich Eis gegeben …
Er lachte wieder, stellte sein Eis auch auf den Couchtisch, um mich nun direkt anzusehen. Scheiße verdammt. War das sein Ernst? Daniel beugte sich zu mir, sein Blick auf meine Lippen gerichtet. Wenn er mich jetzt küsste, würde ich ihm ungelogen die Nase brechen! Unsere Gesichter trennten noch ein paar Millimeter und ich schubste ihn einfach von mir weg.
„Wir haben keinen Sex, bloß weil Valentinstag ist!“ Ich hatte das Gefühl, dass ich das auf jeden Fall klarstellen musste.
„Aber morgen?“ Hartnäckiger Kerl.
„Such dir jemand anders zum Nerven.“ Ich ließ mich nach hinten in die Couch fallen und seufzte. Anstrengend! Ernsthaft, ab heute fang ich auch an, diesen Tag zu hassen. Gratuliere dir, Daniel! Das schaffte nicht jeder. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass er lächelnd den Kopf schüttelte. Er nahm mich und meinen Widerstand nicht ernst. Vielleicht zurecht. Er hatte nämlich durchaus recht damit, dass er mein Typ war. Na ja, solange er nicht so ein Jammerlappen wie in den letzten Tagen war. Selbstsicher lehnte er sich gegen meine Schultern. Ich ließ ihn. Anlehnen war okay, das war kein Sex, das hatte überhaupt nichts mit Sex zu tun. Alles fein. Er gab mir einen Kuss auf die Schläfe.
Ich schob ihn von mir, sah ihn erbost an. Was er scheinbar völlig misinterpretierte! Er drückte seine Lippen auf meine. Eine vorwitzige Zunge strich darüber und als hätte ich kein Mitspracherecht über meinen Körper, öffnete ich bereitwillig den Mund, erwiderte den Kuss. Fuck! Aber zugegeben, das mit dem Küssen konnte er!
Als er von mir abließ, verzogen sich seine Lippen zu einem frechen Grinsen.
„So schmeckt als Erste Liebe!“
Ich schlug ihm mitten ins Gesicht und er hielt sich die blutende Nase, während er noch immer grinste. Irgendwie hatte das etwas … charmantes. Eventuell war auch einfach das Eis schuld.