Nullpunkt

Nullpunkt erreicht. Keine Familie. Kein Geld. Keinen Bock auf Schule. Und was war eigentlich mit seinem besten Freund los? Ennoah fühlte sich ordentlich von seinem Leben verarscht. Als dann auch noch Nico, der Schulsprecher mit der großen Klappe, anfängt ihm auf die Pelle zu rücken, wird alles nur noch schlimmer … Oder?

Eine Geschichte über Verlust, das Erwachsenwerden
… und auch ein bisschen über die Liebe

Altersempfehlung: 16+
Genre: Contemporary, LGBT
Seitenanzahl: 360 mit 65 schwarzweiß Illustrationen

„Tick. Tack“, empfing mich die Uhr in der Küche und weigerte sich, mit ihrem penetranten Ticken aufzuhören, egal wie wütend ich sie anstarrte.

„Kümmere dich um dein Leben!“, sagte sie.

Ich hatte nicht mal Bock morgen auf die scheiß Mappenberatung zu gehen. Was sollte das auch? Bis auf ein paar Skizzenbücher mit bekloppten Pinguinen hatte ich doch überhaupt nichts vorzuweisen.

„Du hast nicht mehr viel Zeit. Tick. Tack.“ Die Uhr schien mit ihren kleinen, spitzen Zeigern auf mich zu deuten und zu lachen. Tick. Tack. Tick. Tack. Es klang wie ein bösartiges Kichern, als wüsste sie, dass man mit mir nichts anfangen konnte.

„Halt die Klappe!“, schrie ich der Uhr entgegen und fühlte mich im gleichen Moment wie ein absoluter Idiot. Verdammt, es war nur eine dumme Uhr. Die tickte einfach, das war ihr Job. 

„Tick. Tack.“

Ich ging zu der Uhr, packte sie und schmiss sie laut scheppernd auf den Boden. Ich wollte keinen Ton mehr von ihr hören, ich wollte nicht mehr sehen, wie sich diese bescheuerten Zeiger auch nur einen Millimeter bewegten. Aber wie zum Trotz machte sie einfach weiter, als würde sie nichts davon abhalten können, mir vorzuführen, wie ich mein Leben verschwendete. Ich trat nach der Uhr und sie rutschte einfach nur weg, anstatt in all ihre Einzelteile zu zerspringen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Mit einem leisen Tick prallte sie gegen den Küchenschrank und ging weiterhin unbeirrt ihrem Uhren-Dasein nach.

„Tick. Tack. Tick. Tack. Du kriegst mich nicht klein!“ Ich hob die Uhr wieder auf und schlug sie mit voller Kraft gegen die Küchenanrichte. Ich hörte ein leises Knacken und fühlte mich besser, aber nur so lange, bis wieder ein Tack zu hören war. Ich schlug die Uhr nochmals auf die Holzplatte, diesmal splitterte das Glasgehäuse, aber an der Funktion änderte das nichts. 

„Tick. Tack.“

Ich schmiss die Uhr wieder auf den Boden und stürmte in den Flur, wo der Werkzeugkasten in einem Wandschrank stand. Einem Hammer konnte selbst diese Uhr nichts entgegensetzen. Mit dem Werkzeug bewaffnet, attackierte ich dieses Ticken und erst, als alle kleinen Zahnräder und Schräubchen vor mir lagen und in der Küche nichts mehr zu hören war, außer meinem eigenen Atem, merkte ich, dass immer noch nichts besser geworden war.