Titelfindung

Ein Thema, das sicher viele Autoren rumtreibt, ist die Titelfindung. Jeder hat da so seine eigenen Methoden und auch Vorlieben, wie er da vor gehen möchte. Also ein Geheimrezept gibt es dafür nicht, aber aus gegebenen Anlass dachte ich mir, ich schreibe mal ein bisschen darüber, wie das so bei mir abläuft mit dem kleinen Fallbeispiel „Schlagschatten“.

Manche Autoren haben ihren Titel bevor sie ihre Geschichte. Viele suchen erst nach einem Namen, wenn das Buchbaby das Licht der Welt erblickt hat. Die meisten Autoren machen sich nebenher beim Schreiben, die Gedanken um den zukünftigen Romantitel. 
Ich muss zugeben, dass ich schon alles drei durch habe. Die erste Variante ist mir persönlich die Liebste, aber die ist bei mir definitiv nicht der Regelfall. Am liebsten mache ich mir Gedanken über einen Titel, wenn ich die ersten paar Absätze geschrieben habe und mir dann einfällt, dass ich die Datei ja irgendwie benennen muss – am besten so genau wie möglich, sonst findet man sie irgendwann nicht wieder. Der Name ist dann in der Regel der berühmt berüchtigte Arbeitstitel, der sich gerne mal vor dem Veröffentlichen nochmal ändert. Bei mir aber gar nicht so häufig. Was einen einfachen Grund hat: Ich finde es unheimlich schwer, etwas umzubenennen, was in meinem Herzen schon einen Namen hat. Aber manchmal bleibt einem nichts anderes übrig. 

Bei meinem aktuellen Romantitel ist das leider Fall. Die Geschichte selbst habe ich vor zwei Jahren als Novelle bereits abgeschlossen, aber ich habe gemerkt, dass mich die Charaktere und Eigenheiten einfach nicht los lassen wollen. Deshalb habe ich beschlossen, es nicht nur bei einer 20.000 Wörter-Geschichte zu lassen, sondern daraus etwas im Romanumfang zu machen. Nun lief für mich die Geschichte bisher unter „I wanna taste the way you bleed“, inspiriert von Songlyrics. Ich hatte die einzelnen Kapitel in dieser Systematik weiter benannt:  
Kapitel 1: I wanna taste the way that you bleed
Kapitel 2: I wanna taste the way that you bruise
Kapitel 3: I wanna taste the way that you come
Kapitel 4: I wanna taste the way that you cry
Kapitel 5: I wanna taste the way that you breath
Kapitel 6: I wanna taste the way that you live
Kapitel 7: I wanna taste the way that you are
Kapitel 8: I wanna taste the way that you last
Und ja, ich war damit ganz zufrieden, da es nur eine online Veröffentlichung war, für die niemand Geld zahlte und die ich einfach für mich gemacht habe. No need for a fancy title. Aber da ich nun daraus ein gedrucktes Buch machen möchte, musste etwas anständiges her. Aber was? Englischer Titel wollte ich auf keinen Fall, da ich ja immerhin auf Deutsch schreibe und sowas sonst sehr verwirrend sein kann, außerdem kann man auch schöne deutsche Titel haben. Nun bin ich großer Fan von Ein-Wort-Titeln. „Nullpunkt“ und mein Romanprojekt „Hintergrundrauschen“, an dessen Überarbeitung ich gerade sitze, sind ganz gute Beispiele dafür. Und ich wollte einen Titel, der sich da einreihen kann. 

Da der Hauptcharakter, Nils heißt er übrigens, einen Blessurenfetisch hat und Jules ein massives Aggressionsproblem, war für mich klar, dass ich das im Titel haben möchte. Lange hing ich an der Idee fest, es einfach „Chromatin“ zu nennen, wegen der Verfärbung die bei einem blauen Auge stattfindet. Aber ich habe, je länger ich darüber nach gedacht habe, gemerkt, dass der Titel einfach zu verkopft war und auch nicht das aussagt und rüberbringt, was ich in der Geschichte sehe. Ich habe beschlossen, wieder in eine simplere Richtung zu gehen. 
Synonyme für „Blaues Auge“ gesucht und natürlich gefunden, alle nicht gefallen.
Synonyme für andere Blessuren gesucht. Aber ich musste feststellen, dass „Hämatom“ doch zu sehr nach Thriller klang und „Suffusion“ noch fremder wirkt als „Chromatin“. Also war es Zeit wieder in eine andere Richtung zu denken. Ständig den Spruch „In your face“ im Kopf gehabt. Ich dachte mir, dass wäre es doch, oder? Einfach „In your face“ auf Deutsch übersetzt und frei nach den Ärzten „Immer mitten in die Fresse rein“. Ich bin bei „Mitten ins Gesicht“ gelandet. 
Wow, damit war ich glücklich. Das war es, oder? Das klang super. Es ist schön doppeldeutig und deckt zum einen Nils schonungslose, offene Art ab, aber auch Jules, der häufig was mitten ins Gesicht kriegte. Perfekt! Ich habe ehemalige Leser gefragt und ja auch die sagten mir: „Klar, „Mitten ins Gesicht“, warum nicht? Mach das, klingt doch nach einer Geschichte von Mo.“ 
Hm … tat es das? War ich wirklich glücklich damit? Und nein, war ich nicht. Es klang viel zu platt, zu einfach. Es war mir zu sehr „in your face“. Etwas enttäuscht darüber, dass ich den Titel nach drei Tagen schon wieder nicht mochte, habe ich beschlossen, dass Thema ruhen zu lassen. 
Dann hat es mich getroffen, wie ein Schlag oder die Faust aufs Auge. Schlag. Das war ein Begriff mit dem ich weitersuchen wollte. Es hat keine fünf Minuten gedauert, da ist mir „Schlagschatten“ aufgefallen und da hatte es endlich Klick gemacht, das war ein typischer „Mo-Titel“, den ich solange gesucht habe. Auch hier habe ich wieder nach Feedback von Lesern gefragt. „Schlagschatten? Okay … Was ist ein Schlagschatten?“
Genau die Frage auf die ich gewartet erhofft. Ein existierendes Wort, dessen Bedeutung mir gut gefällt, aus Wörtern besteht, die ich absolut repräsentativ für den Roman finde und das Beste daran, für viele noch ein unbeschriebenes Blatt ist. Man hat durch den Titel noch keine definierte Erwartungshaltung, wird aber vom Inhalt nicht enttäuscht, weil Inhalt und Titel im Gesamtbild ideal zusammen passen. 
So wünsche ich mir meine Titel! Und so finde ich meine Titel. Herantasten. Ausprobieren. Über meine Zunge gehen lassen. Sie umdrehen, zerpflücken, zusammenfügen, testen. Schmecken ob es der richtige Titel für mich ist, und man weiß es einfach, wenn man ihn endlich gefunden hat. Und wow, sowas tut gut! 
Gut, die Wahl meiner Romantitel ist nicht unbedingt massentauglich. Aber ganz ehrlich, das wollte ich nie sein. Und ich habe lieber eine eigene Stimme schon in meinen Titeln, als das hundertste Buch das „Der Sturm“, „Das Kind“ oder „Irgendwas mit Welt“ heißt. 

Nicht, dass ich schon mit vielen Besuchern hier rechne: Aber wie sieht es bei euch mit den Titeln aus? Habt ihr dort auch eure eigene Stimme? Was habt ihr für Kriterien? Würde mich freuen, auch von anderen zu hören, wie sie da so vorgehen. 🙂

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