Staubkörner

Staubkörner

2011 für die Anthologie „… und die Welt stand still.“ entstanden​

Sanfte Hände streicheln über meinen geschmeidigen Körper. Ich werde von liebevollen Augen betrachtet. Dieser Blick macht mich lebendig, er gibt meiner Existenz einen Sinn. Man bettet mich auf weichen Stoff. Ich gebe einen zufriedenen Laut von mir. Es ist ein schönes Gefühl, so zärtlich berührt zu werden. Eine goldene Kette schmiegt sich an mich, nur für mich gemacht. Auf Hochglanz poliert, strahle ich im Sonnenlicht. Ich bin eine Schönheit in der Blüte meines Seins. Es ist eine gute Zeit. Ich bin noch jung, bin mir sicher, ich werde nur für diesen einen Mann leben. Dieser Mann mit den langen, geschickten Fingern, die mich immer so behutsam berühren. Ich bin die Welt für ihn und er ist die Welt für mich.
»Weißt du eigentlich, wie wundervoll du bist?« Seine Stimme plätschert warm über mich hinweg – so voller Liebe. Eine Liebe, die nur mir gelten kann, seinem größten Schatz. Jedes meiner kleinen Rädchen hat er mit Bedacht gewählt. Liebevoll und mit filigranem Werkzeug festgezogen. Ich bin sein makelloses Meisterstück. Mein Gehäuse aus Gold. Mein Ziffernblatt aus Elfenbein, geschützt von klarem Kristall. Die zart geschwungen Zeiger bewegen sich mit der Eleganz der Zeit. Meine kleine Krone mit einem reinen Diamant besetzt. Durch mich bekommt Vergänglichkeit das schönste Gesicht.
Die Zeit fließt durch mich hindurch und verändert ihn. Erst langsam wird mir bewusst, was es bedeutet, eine Uhr zu sein. Ich bin sein Begleiter in den Tod. Mit jedem leisen ›Tick‹ wird er einen Moment älter und zerbrechlicher. Es ist ein Prozess, den ich nicht zu stoppen vermag.
Jeden Tag, immer pünktlich, als hätte er eine innere, unbarmherzige Uhr, zieht er mich mit zittrigen Fingern wieder auf. Seine Berührungen sind noch so sanft wie am ersten Tag. Aber seine Augen werden trübe. Ich bin mir nicht sicher, ob er noch verstehen kann, was ich ihm sage. Dieser Blick tut so unendlich weh und trotzdem muss ich weiter machen. Ich soll den Schmerz einer Uhr kennenlernen.
»Du musst immer weiter ticken, hörst du? Niemals aufgeben!« Ich bin noch zu jung, um die Bedeutung seiner letzten Worte zu verstehen.
Und dann sehen mich andere Augen an. Interesse liegt darin, aber nicht mehr. Es ist nicht der liebevolle Blick des alten Mannes, auch wenn ich immer noch hübsch anzusehen bin. Wird dieser Mensch mich gut behandeln? Ich hoffe es, ich habe nur noch ihn.
So gehen meine Zeiger ihren Weg auf dem weißen Ziffernblatt. Ich bin eine Uhr, ich habe meine Aufgabe. Allmählich gewöhne ich mich an diesen neuen Mann. Seine Finger sind nicht so geschmeidig, trotzdem ist er immer vorsichtig, wenn er mich poliert. Also ticke ich für ihn weiter.
Mein Leben verändert sich mit ihm. Kannte ich davor nur das Kämmerchen meiner Geburt und die kleine Stadt, so lerne ich nun die Welt kennen. Kalter, salziger Wind bläst mir entgegen, als er an Deck eines Schiffes steht. Ich bekomme nur einen kurzen, unaufmerksamen Blick, bevor er sehnsüchtig den weiten Horizont absucht. Sein Griff hält mich fest umschlossen. Ich muss mir keine Sorgen machen, in den erschreckenden Tiefen des Meeres zu versinken. Er gibt mir Sicherheit, auch wenn sie nur ein schwacher Ersatz für hingebungsvolle Liebe ist.
Sein Herz kann nicht mir gehören, einem hübschen Ding, das nur tickt. Er braucht die Ferne und Freiheit. Ich gebe ihm einem Rahmen, lerne, wie sehr Zeit einengen kann und wie schnell sie vergeht. Es tut mir Leid, wenn er sich wehmütig aus einem zerwühlten Bett erhebt, einen schlafenden Körper zurück lässt, weil es Zeit wird. Es ist ein rasantes Leben.
Als ich ihn das letzte Mal sehe, liegt er regungslos in einer dunklen Gasse. Das passt nicht zu ihm und kurz setze ich ein ›Tack‹ lang aus. Vielleicht habe ich ihn doch lieb gewonnen, diesen Mann mit zu wenig Zeit.
Verwirrt von den Ereignissen, finde ich mich nun in fremden Händen wieder. Mein neuer Besitzer ist ein seltsamer Kerl. Er hat hektische Finger, ist immer in Bewegung, kann kaum von mir lassen. Seine Augen huschen nervös über mich, sie glänzen in Bewunderung. Er weiß das Schöne zu schätzen. Es ist ein fantastisches Gefühl, wieder die Beachtung zu bekommen, die einem Kunstwerk wie mir gebührt. Voller Stolz werde ich präsentiert und mein Körper strahlt und glänzt in all seiner Pracht. Ich habe nichts von meiner Vollkommenheit eingebüßt.
Bald aber stelle ich fest, dass ihn nicht mein Antlitz verzaubert. Es sind die Menschen, die ihn um diesen kostbaren Besitz beneiden. Sobald sie weg sind, verliert er das Interesse an mir. Bemerkt die feinen Staubkörner auf mir nicht, vergisst, mich zu polieren. Es ist eine schmutzige, erniedrigende Zeit. Ich wünsche mir, er würde mich nicht mehr anfassen, mich nicht mehr in seine Westentasche stecken. Soll er mich doch in einer namenlosen Gasse verlieren! Das sind ungewohnte Gefühle für mich, aber ich weiß nicht, wie ich ihnen entkommen soll. Ich bin nur ein Ding und kann nichts tun.
Bis ich die Macht der Zeit entdecke. Er braucht mich, wäre ohne meine präzisen Zeiger verloren in der Hektik des Alltags. Am Anfang ist es anstrengend. Ich muss gegen mein Innerstes ankämpfen. Gegen all die Rädchen, Federn und Schräubchen in mir, die mich immer weitermachen lassen und gegen die Stimme des alten Mannes. ›Nicht aufgeben, immer weiter ticken!‹ So lange sind diese Worte her und ich kann ihnen nicht gerecht werden. Ich leide.
Ich konzentriere mich auf die kleinen, mechanischen Organe in mir. Lausche in mich hinein, höre mein tickendes Herz. Ein filigranes Schwungrad und der Schlüssel zur Zeit. Frisch aufgezogen, habe ich Kraft genug, meinen Rhythmus zu stören. Ich spüre, wie ich aus dem Gleichgewicht gerate, stolpere kurz überrascht über ein paar Sekunden, nur um schließlich schneller mit meinen Zeigern über das Ziffernblatt zu huschen. Es hat funktioniert! Unbemerkt stehle ich nun diesem kleinen Mann die Zeit.
Aber diese Veränderung ist anstrengend. Ich schaffe oft nicht mehr den ganzen Tag, bleibe stehen, muss den Atem anhalten, bis er mich wieder zum Leben erweckt. Er flucht, schimpft, tobt. Nun sind wir beide unglücklich. Die Welt ist wieder gerecht.
Bald darauf finde ich mich meines Diamanten beraubt in der Auslage eines Pfandleihers wieder. Ein kleines Papierschildchen um mein Krönchen, mit einem Preis versehen, der beleidigend ist.
Gekauft werde ich von einem Mann in Uniform. Sein Blick ist voller Sehnsucht und Traurigkeit, wenn er mich ansieht. Ich verstehe ihn. Unser Leid an der Zeit verbindet uns. Wie lange, wissen wir nicht. Er gibt mir einen Kuss, bevor er das riesige Schiff betritt. Ich kenne unser Ziel nicht. Ob ich zurück in meine Heimat komme? Habe ich überhaupt so etwas wie eine Heimat? Alles ist ungewiss.
Er hält mich versteckt auf der langen Fahrt. Es gibt nur Dunkelheit und Einsamkeit für mich. Auch als wir das Schiff verlassen, ändert sich das nicht. Manchmal aber holt er mich in kalten Nächten heraus, streichelt mich mit ungelenken Fingern, während viel zu helle Lichter über uns brennen und Sirenen schrillen. Furcht liegt dann in seinem Blick. Ich bin keine Uhr für ihn. Ich bin nur eine Erinnerung an schönere Zeiten, die wir uns beide zurückwünschen. Aber sie sind für immer vergangen, werden nicht wiederkommen. Nicht für ihn. Nicht für mich.
Aber er will unser Schicksal nicht akzeptieren und so verschwindet er mit mir. Ich hoffe das Beste für uns, doch die düsteren Tage in schlammigen Gräben zehren an uns. Von überall her Schreie, die durch feuchten Nebel zu uns dringen. Jedes Gefühl wird von peitschenden, lauten Schüssen zermürbt. Seine Uniform ist klamm und voller Schmutz, der auch mich bedeckt. Kälte durchzieht unsere malträtierten Körper. Ich kann sein Zittern durch den rauen Stoff spüren.
Ich merke, wie schwer es mir mittlerweile fällt, einfach meine Arbeit zu tun. Wenn er mich wieder aufzieht, sind seine Bewegungen müde, ausgelaugt. Die Harmonie ist unwiderruflich zerstört. Der einzige Mensch, der mich noch heilen könnte, lebt schon lange nicht mehr. Ich spüre die Zeit in meinen Rädchen, die sich nicht mehr so richtig drehen wollen. Staubkörner haben sich eingeschlichen, halten mich fest in meiner Bewegung. Die Zeiger werden so unendlich schwer. Ich habe keine Energie mehr. Niemand mehr, der mich aufzieht. Noch ein leises ›Tick‹.
Und die Welt steht still.