Eine kleine Kaffeepause

Eine kleine Kaffeepause

2011 für die Anthologie „… und die Welt stand still.“ entstanden​

Die Welt stand still. In meinem Kopf. Die Stimmen hatten aufgehört zu schreien – sie waren einfach verstummt. Alle Bewegungen schienen eingefroren. 

Viel zu plötzlich setzte alles wieder ein, schwappte über mich hinweg und zog mich in einen Strudel aus Lärm und Chaos. Menschen hasteten an mir vorbei, brüllten in meinem Kopf. Das war alles zu schnell, zu laut, zu viel! Ich kam nicht mehr mit. Bitte, konnte die Welt nicht wieder anhalten? Nur für einen Moment.
Mein Leben rannte mir davon. In großen, weiten Schritten. Ich hatte keine Chance, es einzuholen – nicht wenn es so geschickt zwischen all den Menschen hindurchschlüpfte.
Schließlich rammte mich eine breite Schulter von der Seite, brachte mich ins Straucheln. Hilflos klammerte ich mich an leere Luft, fand mich dann aber auf dem Boden wieder. Ich seufzte niedergeschlagen. Es hatte sowieso keinen Sinn mehr. Wenn man einmal den Anschluss verloren hatte, blieb man auf der Strecke.
»Hey, sind Sie okay?«, fragte eine freundliche, helle Stimme. Sie gehörte einer jungen Frau in einem roten Mantel. Ihre blauen Augen leuchteten unter ihren hübschen, dunklen Locken hervor. Ich versuchte zu lächeln. Wie sollte ich ihr erklären, dass mir gerade mein Leben davongelaufen war?
»Darf ich Ihnen aufhelfen?« Dankbar nickte ich, als sie mir ihre Hand reichte. Ich ergriff sie und war erstaunt, wie angenehm warm sie sich auf meiner kalten Haut anfühlte. Mit einem kräftigen Ruck zog sie mich in die Höhe.
»Unverschämt, finden Sie nicht auch?« Sie schüttelte empört den Kopf und starrte in die Richtung, in die der Mann verschwunden war, der mich umgerannt hatte. Ich nickte. Etwas enttäuscht, dass sie mich wieder losgelassen hatte, schaute ich sie an. Kurz war da dieses Gefühl, ich könnte allein durch ihre Wärme mein Leben wieder einholen.
»Sie sehen gar nicht gut aus. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« Die Frau legte eine Hand auf meine Schulter, schaffte damit eine ungewohnte Intimität. Aber die Nähe tat gut. Ich wollte einfach so stehen bleiben. Die Wärme und Ruhe, die von ihrer Berührung ausgingen, genießen. Fasziniert betrachtete ich ihre Hand auf meiner Schulter. Die Frau folgte meinem Blick, errötete und zog sie wieder weg. Wahrscheinlich dachte sie, ihr Verhalten wäre unpassend gewesen. Schade. Mir hatte es gefallen.
»Wissen Sie, was passiert ist?«, fragte sie mich und zeigte dabei auf einen Punkt hinter mir. Ich wandte mich um. Mein Blick fiel auf einen Menschenpulk, der sich um etwas versammelt hatte. Elend zog die Leute magisch an.
»Nein, keine Ahnung«, antwortete ich. Ich wollte es auch nicht wissen. Es war mir genug, dass sie mich freundlich ansieht.
»Naja, nicht so wichtig. Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?«, wechselte sie das Thema. Spontan stimmte ich zu. Mein Leben würde ich ohnehin nicht mehr einholen. Also warum nicht mit einer schönen Frau einen Kaffee trinken? Wann bot sich denn schon so eine Gelegenheit?
Obwohl ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an dem Café vorbei kam, in das sie mich führte, war es mir bislang nie aufgefallen. Es war hübsch. Die Wände waren in braunen, sanften Tönen gestrichen und der Stress des Alltags schien draußen zu bleiben, sobald man die Schwelle übertrat. Hier gab es nur das leise Stimmengemurmel der anderen Gäste und gedämpftes Licht. Ich fühlte mich wohl.
Meine Begleiterin sah nicht in die Karte, sondern winkte einen Kellner herbei, um für uns beide die Bestellung aufzugeben. Sie zwinkerte mir zu, als ich fragen wollte, was sie bestellte. ›Vertrau mir!‹, sagte ihr Blick. Warum nicht? Ich konnte mich ja mal überraschen lassen.
»Wie heißen Sie?« Ihre schönen Augen schauten mich interessiert an. Wir führten Small Talk, oder? Wie ungewohnt! Wann hatte ich das letzte Mal einfach so mit einem Menschen geredet, nur um mich zu unterhalten? Ich konnte mich nicht erinnern, genauso wenig wie an meinen Namen.
»Ich weiß es nicht«, gab ich schließlich zu. Was hätte ich auch sonst sagen sollen? Ich hoffte, sie hielt mich jetzt nicht für verrückt. Ein charmantes Lächeln umspielte ihre Lippen. Es löste ein warmes Kribbeln in mir aus und ließ mich rot werden.
»Das ist nicht so schlimm. Nicht alles muss einen Namen haben, meinen Sie nicht auch?« Ja, recht hatte sie. Warum alles benennen? Das nahm doch nur den Reiz.
»Sie dürfen mich gern duzen«, bot ich ihr an. Auch wenn sie mich nicht mit meinem Vornamen ansprechen konnte, wäre es schön, das distanzierte Sie ablegen zu können.
»Danke, das ist nett von dir.« Dann herrschte Schweigen zwischen uns. Über was sollte ich mit einer völlig Fremden sprechen? Erschien ich ihr nicht seltsam? Ohne Namen und einem in der Menschenmenge verschwundenem Leben. Ich wusste, dass man mir das anmerkte. Kein Mensch konnte ohne Leben durch die Straßen wandern und hoffen, dass es niemand bemerkte. Aber ich hatte versucht, mitzuhalten. Ehrlich. Ich hatte es wirklich versucht, oder?
»Und was machst du beruflich?«, fragte ich in die Stille. Ich bemerkte ein Funkeln in ihren Augen, als hätte ich das Falsche gesagt. Unbehaglich schluckte ich, hatte gehofft, dass der Beruf ein unverfängliches Thema war.
»Das willst du nicht wissen«, antwortete sie in einem unerwartet harten Tonfall, der mich zusammenzucken ließ. Es tat mir leid, überhaupt gefragt zu haben. Etwas in ihrem Blick sagte mir, dass ich die Antwort wirklich nicht hören wollte. Sie merkte wohl, wie unangenehm mir ihre Reaktion war, ihr Gesichtsausdruck wurde sanfter.
»Was willst du nun machen, jetzt, wo dein Leben fort ist?« Die Frage gefiel mir nicht. Es war zwar offensichtlich, aber musste sie mich so direkt darauf ansprechen? Sollte ich ehrlich antworten?
»Ich hoffe, es wartet an der nächsten Straßenecke auf mich.« Manchmal tat es das, erinnerte ich mich. Dann hatte es einen Becher schwarzen Kaffee in der Hand und schaute mich ungeduldig an, weil ich ihm zu langsam war. Die Frau lachte laut auf, offensichtlich amüsiert von einem Leben, das warten konnte.
»Es war schon immer ein kleiner Sadist! Nicht wahr?« Sie strich sich eine ihrer Locken hinter das Ohr, die ihr beim Lachen ins Gesicht gefallen war. Ich nickte. Mein Leben konnte ziemlich gemein sein. Es hielt mir oft vor, was ich verpasste, weil ich immer hinter der Zeit herhechelte. Dort waren Menschen, die konnten mit ihrem Leben mithalten. Erfolgreich. Schön. Stolz. Und da war ich. Außer Puste. Überfordert. Frustriert. So wie gerade eben auf der Straße.
»Du bist ihm schon begegnet?« Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mein Leben kannte.
»Nun ja, sagen wir, wir sind alte Bekannte, die sich immer mal wieder über den Weg laufen.« Sie sah mich mit einem geheimnisvollen Blick an. Der Kellner brachte die Bestellung. Ich nahm die Tasse entgegen, nippte daran. Der Kaffee war schwarz, schmeckte bitter. Ähnlich, wie die Erkenntnis, die damit verbunden war.
»Du bist mein Tod. Habe ich recht?« Die Menschenmenge von vorhin hatte mein Elend umzingelt. Das Elend , das mitten auf der Straße von einem Lastwagen überrollt worden war und nun wie Kaugummi auf dem Asphalt klebte. Überraschenderweise trauerte ich ihm nicht unbedingt nach.
»Ist es sehr schlimm?« Sie schaute mich mitfühlend an, nahm meine Hand in ihren weichen, warmen Hände. Der Tod zeigte sich gnädiger, als es mein Leben jemals getan hatte.
»Ich bin nur überrascht. Vorhin, da draußen, da hat sich alles noch so lebendig angefühlt. Mein Leben war noch so greifbar nahe gewesen.«
»Es wäre deine Chance gewesen. Weißt du, ich sammle nur die Zurückgebliebenen auf.«
»Lag es daran, dass ich nicht schnell genug war?«
»Es gibt einfach Menschen, die nicht für diese hektische Welt geschaffen sind.« Mit dem Daumen strich sie zärtlich über meinen Handrücken, spendete mir Trost. Ich ließ die Schultern trotzdem hängen. Ich hatte mich doch immer bemüht. Aber das Leben war einfach zu schnell gewesen. Was hätte ich denn tun können, um es einzuholen?
»Wenn du willst, zeige ich dir jetzt, was nach dem Leben kommt.« Sie lächelte einladend. Dann trank sie ihren Kaffee in wenigen Zügen aus und erhob sich. Ich folgte ihr, etwas verwundert darüber, dass Tod und Leben ihren Kaffee genau gleich tranken. Schwarz und bitter.