Farblos verloren

Farblos verloren​

2011 für „Die Welt im Wasserglas“ entstanden

Mein Blick ist auf das Wasser im Glas geheftet. Es sind feine Fäden von Himmelblau darin zu sehen. Sie lösen sich in einem  Schleier auf, färben ihre Welt in sanftem Ton. Die Farbe schlägt in violett um, als der rot getränkte Pinsel die blaue Ruhe stört. Kurze Zeit später ist alles in einem Wirbel aus schmutzigem Braun versunken.

     Auf dem Papier findet sich nichts von diesen dreckigen Farben. Dort ist alles hell, sauber und vor allem bunt. Trotzdem finde ich das Glas im Moment interessanter. Ich beobachte einen dunkelgrünen Tropfen, den ich aus dem Pinsel gestreift habe, wie er sich langsam seinen Weg in den braunen Sumpf bahnt. Getrocknete Kameraden werden zu unüberwindbaren Hindernissen, und schließlich stirbt das Dunkelgrün den Heldentod am Glasrand.

     Ich nehme meinen feuchten Pinsel und fahre mit einer hastigen Bewegung über den Rand, weil ich den Anblick nicht mehr ertragen kann. In einem verwischten Grau perlen Farbtropfen in das dreckige Wasser. Allerdings bleiben die traurigen Ränder der Farben am Glas kleben.

     »Was tust du da?« Erschrocken zucke ich hoch und drehe mich um. In der Türe steht Martha, die mich aufmerksam mustert. Ich kann ihr nicht erklären, dass ich die sterbenden Farben nicht sehen will. Sie wird es nicht verstehen.
            »Ich male.« Das Bild hat für mich jeglichen Reiz verloren, aber wenigstens verstört diese Antwort niemand. 
            »Das ist schön.« Martha lächelt. Sie interessiert sich nicht fürs Malen. Damit kann sie nichts anfangen, sie liest lieber. Ich warte darauf, dass sie noch etwas sagt. Irgendetwas Belangloses, nur um mich nicht an zu schweigen.

     »Dann wünsch´ ich dir noch viel Spaß.«

     »Danke.« Noch ein Lächeln und sie verlässt den Raum.

     Ich schaue auf mein Bild. Viel zu bunt, die Farben machen mich unglücklich mit ihrer Fröhlichkeit.

     Das Wasserglas sieht mich an. Ich lege den Pinsel beiseite und beuge mich über das Gefäß. Das trübe Wasser lässt mich nicht bis zum Grund blicken. Es will seine tiefen Geheimnisse wahren. Ich verstehe das nur zu gut. Aber wenn ich lange genug hinsehe, kann ich die Geschichte in den verwaschenen Farben erkennen.

     Das Wasser erzählt von dem Kampf zwischen dem wilden Cyan und dem aggressiven Magenta. Doch selbst ihre verbündeten Stämme konnten nichts gegen die sonnengelben Krieger ausrichten. Auf dem Blatt haben sie alle ihre Eroberung. Die roten Lippen strahlen so schön wie die blauen Augen, blondes Haar umschmeichelt ein Gesicht. Grenzen werden gewahrt, Regeln eingehalten. Nicht im Wasserglas. Es zeigt keine Gnade, wischt alles weg und vereint Feinde gegen ihren Willen. Violette Kinder werden geboren und erleben keinen Frieden, als immer mehr Farben auf sie einstürmen. Sie wollen über das Wasser bestimmen, es dominieren, beherrschen, doch am Ende bleibt nur das traurige Grau der Niederlage.

     Farben, die das Papier nicht will. Was bleibt ihnen übrig, als wenigstens im Glas um ihr Leben zu kämpfen? Auch wenn es dort schon längst zu spät ist.

     Sie hatten ihre Chance, als der Pinsel sie in seine Borsten aufnahm und sanft über das weiße Papier streichelte. Aber sie sind nicht stark genug gewesen, haben sich nicht durchsetzen können. Oder haben sie es zu wenig gewollt? Haben sie Angst gehabt vor der Herausforderung auf dem Blatt zu leuchten? Plötzlich macht mich der Anblick dieser verlorenen Farben wütend.

     Warum haben sie nicht mehr gekämpft, sich mehr Mühe gegeben?! Ihr Schwächlinge!

     Ich packe das Wasserglas, öffne das Fenster und schütte die schmutzigen Verlierer davon. Im schalen Braun tropfen sie vom Laub  unter meinem Fenster. Die Opfer dieses kriegerischen Glases drücken sich an den Grund des Behälters, wollen ihrem endgültigen Ende noch einen Moment entkommen. Ich wische sie mit meinem Mallappen davon. Nichts soll von dieser Welt im Wasserglas noch übrig bleiben! Ich will keine traurigen Geschichten mehr sehen …