Herbstliebe

Herbstliebe

Kalte Herbstluft dringt durch meine dünne Jacke. Wir sitzen ganz dicht beieinander. Obwohl wir uns nicht berühren, kann ich ihre Wärme spüren. Ich mag es, wenn wir uns so nahe sind. Es kommt leider viel zu selten vor.
Sie zieht noch ein letztes Mal an ihrer Zigarette, schnippst sie weg und geht. Ich beobachte, wie die Kippe langsam auf dem kühlen Boden verglüht. Nicht ein Wort haben wir gewechselt.
In der Mittagspause kommt sie immer hier her, um zu rauchen. Meistens begleiten sie Kommilitonen. Sie reden, lachen und rauchen sehr viel. Mich bemerken sie dabei nicht. Manchmal habe ich Angst, im grauen Herbstlicht zu verschwinden. Gibt es mich wirklich? Oder bin ich nur das Wunschdenken des einsamen Herbstes?
Ich seufze, diese Jahreszeit schlägt mir aufs Gemüt. Zeit wieder ins Warme zu gehen. Als ich die Mensa betrete, schlägt mir der Lärmpegel des Lebens entgegen. Ein krasser Kontrast zu den gedämpften Lauten draußen. Überall Gespräche. Ich halte nach bekannten Gesichtern Ausschau. Mit einem breiten Grinsen winkt mir Joanna zu. Sie hat mir einen Platz freigehalten. Wie immer.
„Du warst plötzlich verschwunden nach der Vorlesung!“
„War noch auf der Toilette“, murmle ich und lasse mich auf den Stuhl fallen.
„Du hättest was sagen können, wir hätten gewartet.“ Sie meint es nicht böse, aber sie hat immer Angst eines ihrer Schäfchen zu verlieren.
„Nee, schon okay. Sag mal, hast du gecheckt was die Neumann von uns wollte?“  Einfach auf ein unverfängliches Thema wechseln. Außerdem konnte ich der Vorlesung tatsächlich nicht so richtig folgen.
Zum Glück sitzt auch Lars am Tisch, der versteht immer alles und erklärt es einem gerne nochmal.
Aber meine Gedanken sind schwerfällig, ich kann ihm kaum zu hören. Zwei Tische weiter sitzt sie und dreht sich eine Zigarette. Die wird sie nach dem Essen rauchen. Sie raucht zu viel. Aber das weiß sie selbst. Raucher wissen das immer. Allerdings kommen sie von ihrer Geliebten, der Rauchgöttin, nicht los. Zu stark ist die Bindung, zu schwer die Trennung.
Ich habe nie geraucht, noch nicht mal an einer Zigarette gezogen. Ich würde einfach mit dem Rauch davon wehen. Unsere Blicke treffen sich.
„Isabell, hörst du mir zu?“
Ich schaue verwirrt zu Lars. „Sorry, ich bin heute nicht mehr so ganz da.“
Er lacht. Lars ist unkompliziert. Vielleicht mag er mich auch nur. Wer weiß das schon.
„Ich wollte nur wissen, ob du morgen auch zur Semesterparty kommst.“
„Joanna würde mich lynchen, wenn nicht!“
Ich gehe gerne auf Parties. Dort ist es immer warm und laut. Dort gibt es keinen Herbst.
„Dann sehen wir uns ja da!“ Er grinst.
„Ja, wahrscheinlich.“
„Ich freu mich schon!“
Ich lächle ihn unverbindlich an. Er ist ein netter Kerl, er hilft mir, hört mir auch gerne zu und er würde mich auf Händen tragen. Ich will nicht.
Sie verlässt die Mensa, ein Typ geht mit.  Die Beiden hängen oft zusammen herum. 

Sie ist auch auf der Party. Ich habe sie sofort bemerkt, als sie den Club betreten hat. Der Typ ist mit dabei. Natürlich ist er das, er ist ihr Freund. Schon seit zwei Monaten. Er wirkt alternativ mit seinen Piercings und der wilden Frisur. Sie sehen gut zusammen aus.
Ich streiche mir eine meiner braunen Strähnen zurück und wende meine Aufmerksamkeit wieder Lars zu. Immerhin hat er mir einen Drink spendiert. Außerdem will ich nicht sehen, wie sie fremde Lippen küsst, ihre schönen Hände über einen anderen Körper gleiten lässt und sich mit ihm zum Rhythmus der Musik bewegt.
„Kaffee ist kein Erfrischungsgetränk, sondern ein Muntermacher.“
„Bitte was?“ Ich habe den Anfang des Gesprächs nicht mitbekommen, aber offensichtlich erwartet er eine Reaktion.
„Das Lied von Thomas Tulpe“, erläutert er näher. Was soll ich darauf sagen? Ich habe keinen Schimmer, was er meint.
„Ich brauch´ mal frische Luft, hier ist es stickig.“
„Soll ich mitkommen?“
Ich verneine. Nur einen Moment Herbstrauschen für mich allein, sich im Wind verlieren und durchatmen.
Tatsächlich tut die kühle Luft auf meinen Wangen gut. Mein Atem vermischt sich mit der Nacht, wird davon getragen. Ich bin lange nicht mehr so müde gewesen.
Erschrocken fahre ich zusammen, als eine Tür hinter mir zugeknallt wird. Sie stapft an mir vorbei, das Gesicht vor Wut verzehrt. Mit hektischen Bewegungen fummelt sie Kippen aus der Jacke. Dabei fällt ihr das Feuerzeug auf den Boden. Sie flucht und tritt danach. Klackernd landet es irgendwo in der Dunkelheit. Erst jetzt fällt ihr auf, dass sie so ihre Zigarette nicht mehr anzünden kann. Suchend blickt sie sich um. Ich starre sie immer noch an.
„Boah, Shit! Was guckst du so? Hab ich was im Gesicht, oder was? Hast du wenigstens Feuer?“
Überfordert schüttle ich den Kopf, unfähig etwas zu sagen oder weg zu sehen. Einen Moment lang habe ich Angst – vor mir. Sie hat mit mir gesprochen. Ein starke Windböe zehrt an unseren Jacken. Ihr Geruch nach Tabak und Yasmin schlägt mir entgegen.
„Ach Fuck! So ein Scheißtag!“
Ich liebe sie.

„Hast du Feuer?“ Neuer Tag, selbe Frage. Ihre Stimme hat einen rauen Klang, vielleicht vom Rauchen. Es klingt unheimlich sexy.
„Nee, sorry. Nichtraucher.“ Ich lächle entschuldigend und verfluche mich im Kopf, kein Feuerzeug bei mir zu haben. Joanna hat auch immer eins dabei – falls mal ein schnuckliger Typ fragt, hat sie mir erklärt. Das Joanna in dieser Hinsicht mal Recht behalten sollte …
„Ah okay, dachte nur, weil du hier immer in der Kälte sitzt und so.“
„Ich mag frische Luft.“
„Und dann setzt du dich zu den Rauchern?!“ Sie lacht amüsiert. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, ich schlucke. Sie macht sich gar keine Vorstellung davon, was sie gerade bei mir anrichtet.
„Hier gibt’s Bänke.“ Klingt das plausibel, glaubhaft? Ich kann nicht sagen, dass ich nur wegen ihr hier sitze, dass ich sie am liebsten ins Laub drücken würde, ihren Körper mit Küssen überdecken möchte, ihre weichen Brüste liebkosen …
„Das ist ein Argument. Hey, Mike, hast du mal Feuer?“ Sie muss nicht aufstehen, Mike kommt zu ihr her und zündet ihre Zigarette an. Sie bedankt sich mit einem charmanten „Merci“.
Ich freue mich, dass sie neben mir sitzen bleibt, auch wenn sie sich nun mit dem anderen unterhält. Wenigstens ist es nicht ihr Freund – oder Ex-Freund?

 

„Na du, kalt heute, nicht?“ Mit einem Lächeln setzt sie sich neben mich.
„Ja, schon …“ Ich spüre mich leicht erröten. Wir unterhalten uns jetzt öfter. Im Gedanken lege ich mir immer interessante Gesprächsthemen zu recht. Fragen, die ich ihr stellen könnte, die mich selbst klüger, spannender darstellen. Ich traue mich nicht, sie anzusprechen. Immer warte ich, dass sie etwas zu mir sagt. Es ist meistens belanglos, oft redet sie über das Wetter. Sie mag die Jahreszeit nicht, es ist ihr zu kalt und trist. Alles verschwimmt in grau und ich fühle mich wie der ungeliebte Herbst.
„Hübsche Handschuhe!“
Ich weiß nicht, ob sie sich über mich lustig macht. Beschämt schaue ich auf meine Hände. Eine gestrickte Katze grinst mir entgegen.
In meinem Kopf habe ich es mir stets anders ausgemalt, mit ihr zu sprechen, ihr nahe zu sein. In meinem Kopf sind wir ein Paar, ein lächelndes, Händchen haltendes Paar. Sie weiß noch nicht einmal, wie ich heiße. Will sie es überhaupt wissen?
Bin ich nur ihre kleine Raucherpause, bevor sie sich wieder mit ihren Freunden umgibt? Ihre Freunde, die sich für sie oder ihren Ex entscheiden sollen. Momentan verbringt sie wenig Zeit mit den anderen. Spricht sie deswegen mit mir? Trotzdem freue ich mich jedes Mal, wenn sie mich bemerkt.
„Du hast keine Kippe, oder?“
„Nee, sorry.“
„Schon gut, kannst ja nichts dafür …“ Kurz bleibt sie noch neben mir sitzen, aber dann tauchen die Anderen auf. „Du, man sieht sich!“ Damit verabschiedet sie sich und geht.
Ich fühle mich albern, als ich sie weiterhin beobachte. Sie spricht mit Mike, zwinkert ihm zu und zieht an seiner Zigarette. Vielleicht sollte ich mit dem Rauchen anfangen. Ob das wohl etwas ändern würde? Vermutlich nicht.
Ich schaue zu dem wolkenverhangenen Himmel hoch, lausche dabei ihrer Unterhaltung. Ein Säuseln in meinen Ohren, das immer leiser wird.

 

Es schneit, als ich das Uni-Gebäude verlasse. Mein Blick schweift zu der Bank. Dort sitzt sie mit Mike, küsst ihn auf seine gepiercten Lippen, schmiegt sich an ihn. Sie trägt Strick-Handschuhe mit Kätzchen darauf. 
Ich senke den Blick, auch wenn mich der Anblick des verliebten Pärchens nicht mehr quält. Sanft drückt Doro meine Hand, ganz unauffällig. Meine Dorothee. Ein schüchternes Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich werde sie küssen – später, wenn es nur das Knistern des Laubes gibt, und unseren leisen Liebesschwur.