Dampfendes Leben

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Ein Zischen und Pfeifen macht es unmöglich, etwas von den anderen zu hören. Es ist, als befände ich mich in meiner eigenen Welt aus Dampf und Lärm. Für andere wäre es vielleicht die Hölle, für uns ist es das Paradies. 

Die Werkstatt gehört meinem Cousin. Sie ist nicht sehr groß und entspricht wohl nicht in jedem Punkt den Sicherheitsstandards. Meine Kollegen wirken auf den ersten Blick etwas düster und schweigsam, auf dem zweiten und dritten auch. Ob ich eine Ausnahme mache? Nein, nicht wirklich.
Allerdings ist uns das egal. Was andere von uns halten, ist schon lange nicht mehr wichtig.
Wir erschaffen hier Leben – dampfendes, stählernes Leben!
Maschinen, die so viel mehr sind als nur Metall und Schrauben. Unsere Kunden halten sich bedeckt, wir sind exklusiv und teuer. Auch wenn das niemand hinter unseren ölverschmierten, dreckigen Gesichtern vermuten würde.
„Rufus!“, ruft Olekk dicht neben meinem Ohr. Ich zucke nicht zusammen, auch wenn er mich erschreckt hat. Eine ruhige Hand ist hier wichtig. Das Stück Metall, an dem ich gerade arbeitete, lege ich vorsichtig beiseite. Es wird die Hülle für ein mechanisches Herz. Erst dann wende ich mich zu meinem Kollegen um.

„Was willst du?“, schreie ich gegen die Werkstattgeräusche an. Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich bei meiner Arbeit unterbricht.
„Eugene schickt nach dir.“
„Der Boss? Was will er?“
Olekk zuckt nur mit den Schultern. Ich säubere meine Hände mit einem Lappen, auch wenn das wohl eher vergebens ist. Das Öl geht nie von den Händen ab. Mit einem Seufzen lege ich den Lappen beiseite. Es hilft ja alles nichts. Wenn Eugene mit mir sprechen will, sollte ich ihn nicht allzu lange warten lassen. Er ist zwar mein Cousin, aber das ändert nichts an seinem schwierigen Charakter.
Ich durchquere die Werkstatt. Kurz habe ich das Gefühl, als würden mir die anderen nachsehen, als ich das Gebäude verlasse und auf den Hof trete. Ich blinzle in die Sonne. Die frische, kühle Luft fühlt sich falsch auf meiner Haut an. Mein Blick wandert zu der Scheune neben unserer Werkstatt. Eugene kommt nicht mehr oft zu uns, er arbeitet an einem eigenen Projekt. Niemand weiß etwas Genaues, aber wir machen uns auch nicht die Mühe etwas heraus zu finden. Es gibt Dinge, über die will man gar nicht so genau Bescheid wissen.
Tief atme ich durch, bevor ich an das Holztor der Scheune klopfe. Nichts rührt sich. Es kann sein, dass Eugene mich nicht gehört hat. Allerdings würde ich einen Teufel tun und die Scheune ohne ausdrückliche Erlaubnis meines Cousins betreten. Noch einmal hämmere ich gegen das Tor.
„Du glaubst doch nicht, ich würde dich in meine Werkstatt lassen!“
Ich verziehe das Gesicht. Dafür habe ich meine Arbeit unterbrochen …
„Du hast nach mir geschickt“, erkläre ich ihm.
„Dreh dich um! Ich komm jetzt raus.“ Ich höre, wie ein Schloss aufgeschlossen wird und ein Riegel beiseitegeschoben wird.
„Hast du dich umgedreht?“
Unwillig drehe ich meinen Rücken zum Tor. Ich finde sein Misstrauen albern, aber er ist der Boss.
„Ja.“
„Sicher?“
„Ja, Eugene!“ Er ist der Boss, trotz allem. Mit lautem Scharren öffnet sich das Holztor, ein Schwall warmer Luft trifft meinen Rücken. Ich muss an mich halten, um nicht doch kurz über die Schultern zu linsen. Er hätte mich dafür geköpft oder Schlimmeres. Stattdessen warte ich brav und gehorsam, bis mein Cousin das Tor wieder hinter sich geschlossen und verriegelt hat.
„Darf ich mich jetzt umdrehen?“
„Komm mit, ich muss weg von dieser ekelhaften Sonne!“ Eugene schubst mich in Richtung seines Wohnhauses. Das Haus ist vollgestellt mit irgendwelchen Apparaturen, Schläuchen, Einzelteilen diverser Maschinen, dafür gibt es nichts, wohin man sich setzen kann. Ich weiß noch, wie ich als Kind immer Angst vor den Besuchen bei Onkel Ruben und seinem Sohn hatte. Der kleine Metall-Homunkulus hängt immer noch direkt über der Eingangstür und starrt einen aus toten Augen an, wenn man das Haus betritt. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.
„Wir trinken jetzt etwas Tee. Geh in den Salon.“ Eugene bittet niemals um etwas, er befiehlt nur. Mir ist es egal, ich kann mit Tee leben. Der Salon ist tatsächlich der einzige Raum, der so aussieht, als würde er von einem Menschen bewohnt werden – einem sehr unordentlichen Menschen. Genau genommen, schläft, isst und haust Eugene in diesem Raum, wenn er nicht gerade in der Scheune ist. Das Bett ist nur ein Sofa, auf das jemand achtlos ein Laken geworfen hat. Auf dem kleinen Sekretär, der früher von Tante Margret über alles geliebt wurde, türmen sich dreckiges Geschirr. Der Boden ist übersät mit Plänen, technischen Zeichnungen und Notizen, die wohl nicht wichtig genug sind, um in der Scheune versteckt zu werden. Die Wände sind zugestellt mit hohen Regalen, voll mit Büchern und kleinen, metallenen Gegenständen.

Ich setze mich auf das Sofa. Es knarrt unter meinem Gewicht und ich will gar nicht wissen, wie unbequem es zum Schlafen ist. Aus dem Raum neben an höre ich Eugene fluchen. Anscheinend macht sein Tee-Automat nicht ganz das, was er soll. Warum er das Gerät nicht einfach repariert, verstehe ich nicht. Aber das ist seine Sache.
„Kein Tee! Wir reden jetzt“, teilt mir Eugene mit. Er wickelt ein Tuch um seine verbrühte Hand. Ich überlege, ob ich ihm zu einem Arzt raten soll, entscheide mich aber dagegen. Ich will erst wissen, worüber er mit mir sprechen möchte.
„Rufus, mein Sohn …“
„Cousin.“
„Was? Unterbrich mich nicht! Also Rufus, mein Sohn, ich möchte mit dir über eine besondere Aufgabe sprechen. Du bist der einzige von diesen ganzen Gaunern im Schuppen, dem ich trauen kann.“ Er verzieht abfällig das Gesicht, als fände er schon den Gedanken an die anderen unerfreulich. Ich könnte ihn darauf hinweisen, dass diese Gauner der Grund sind, warum er überhaupt sein exzentrisches, verrücktes Privatprojekt durchführen kann und sie für die Butterschicht auf seinem Brot sorgen.
„Jedenfalls … Hast du gar nichts dazu zu sagen? Sei ein bisschen dankbarer!“
Ich ziehe nur eine Augenbraue hoch.
„Nun gut. Jedenfalls, Rufus, mein Sohn …“ Es klingt so, als würde er einen Text aufsagen, den er speziell für diesen Anlass auswendig gelernt hat. „… eine große Aufgabe wartet auf dich. Wie du vielleicht bemerkt hast, arbeite ich nun seit geraumer Zeit an einem … speziellen Projekt. Ich hätte es gerne vermieden, aber nun bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr alleine weiter machen kann. Deswegen bist du hier.“
„Ist das dein Ernst? Du willst wirklich, dass ich dir bei deinem Projekt helfe?“ Aufgeregt springe ich auf. Mit Eugene an seiner geheimen Maschine zu arbeiten wäre die Chance, auf die ich schon seit Jahren warte! Vom unbekannten Handlanger im Schuppen zur linken Hand in der Scheune!
„Ja, ich werde einen Ritualmord mit dir durchführen.“ Er sieht mich dabei an, als hätte er mir gerade erklärt, dass er gerne Zucker in seinem Tee mag.
„Einen … Ritualmord?“, hake ich nach. „Mit mir zusammen?“
„Genau. Es ist der letzte Schritt, um mein Projekt endlich zu vollenden. Ist das nicht schön?“ Er grinst mich an, als würde er sich wirklich freuen.

„Und was für eine Rolle werde ich bei dem Ritualmord spielen?“ Wenn Eugene jemanden töten will, darf er das gerne tun. Meinetwegen halte ich ihn auch nicht dabei auf – immerhin muss er ja von irgendwo die Seele für die Maschinen bekommen. Aber selbst will ich mir die Hände bei der Sache nicht schmutzig machen. Ich baue nur die Maschinen.
„Das Opfer natürlich!“
„Natürlich. Eugene, ich werde jetzt gehen und dieses Gespräch hat nie stattgefunden.“
„Schön, dass du dich so kooperativ zeigst. Mach dich bitte für morgen Abend bereit. Da steht der Mond am besten.“
„Eugene, ich werde mich nicht für dein Projekt opfern! Warum nimmst du nicht jemand anderen dafür? Wenn es ein Techniker sein muss, nimm Olekk oder Eliv. Niemand mag Eliv!“
„Denen ist nicht zu trauen! Du bist das Opfer. Aus mit der Diskussion!“ Mit einer unwirschen Bewegung gibt er mir zu verstehen, dass ich den Raum verlassen soll. Ich schüttle fassungslos den Kopf. Das Problem an der Sache ist, dass Eugene sehr stur sein kann und es bitter ernst meint. Er weiß nämlich nicht, wie Sarkasmus funktioniert. Eigentlich habe ich keine Lust mein ganzes Leben hier aufzugeben, nur damit ich nicht geopfert werde.
„Ob es dir passt oder nicht, ich werde nicht das Opfer sein. Such dir jemand anders.“
„Es gibt niemand sonst. Diese Maschine, sie wird etwas besonders! Ich kann sie nicht einfach mit irgendeinem Idioten beseelen! Ich würde es ja selbst tun, aber ich bin der einzige, der genug Erfahrung mit dem Ritual hat, um es durchzuführen.“
„Ich bin dein Cousin. Wir sind vom gleichen Blut. Wie kannst du mich da für eine Maschine opfern wollen?!“
„Gerade weil wir vom gleichen Blut sind, bist du genau der Richtige.“
„Na wunderbar! Als wäre ich nicht schon genug gestraft damit, mit dir verwandt zu sein!“
„Ohne mich wärst du nur Dreck, du undankbares Balg! Ich lass dich in meiner Werkstatt arbeiten, hab dich in der hohen Kunst des Metall-Lebens unterrichtet, und so dankst du es mir?! Verschwinde aus meinem Haus!“ Er zeigt zur Tür. Seine Hand zittert dabei vor unterdrückter Wut. Ich werfe die Tür laut donnernd hinter mir zu. Eugene ist völlig verrückt geworden. Ich muss etwas unternehmen, bevor er wirklich versucht, mich umzubringen! Das mir das einmal passieren würde. Unglaublich!
Dann werde ich von einem Metall-Homunkulus niedergeschlagen.

Ein unangenehmer Geruch reißt mich aus der Dunkelheit. Ich muss husten von dem stechenden Gestank. Mir ist übel. Was zur Hölle ist passiert? Ich erinnere mich noch an die seelenlosen Augen des Homunkulus und … Seele … Seele? Meine Seele? Eugene!
Ich will aufstehen, aber schwere Eisenhandschellen an Händen und Füssen hindern mich daran. Er gibt sich wohl nicht mit halben Sachen wie Hanfseilen ab. Verdammt!
„Weißt du, was mich richtig ärgert, Rufus?“
Ich begnüge mich mit einem bösen Blick, während ich darüber nachdenke, wie ich doch noch aus dieser miesen Situation rauskomme.
„Der Mond steht falsch! Ich hasse das! Ehrlich. Ich mein, es ist nichts, was ich nicht hinkriege. Aber morgen hätte mir besser gepasst. Warum musst du auch immer so stur sein?!“
Oh, tut mir leid, dass ich mich nicht einfach so umbringen lasse. Ich rüttle an meinen Handschellen. Nichts zu machen, man könnte meinen, er hätte sie fest geschweißt. Wahrscheinlich hat er das sogar. Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, wie ich mich retten kann! Mein Blick sucht den Raum ab. Eugene hat einen Kreis aus Kerzen um mich herum aufgebaut. Die Flammen kränkeln allerdings etwas. Vielleicht wegen der hohen Luftfeuchtigkeit im Schuppen. Der Gestank, der mich vorhin geweckt hat, stammt von irgendetwas Ekligem, das Eugene mir auf die Brust geschmiert hat. Die Maschine, die bald die neue Heimat meiner Seele werden soll, steht wenige Meter von mir entfernt. Sie ist recht klein, vielleicht so groß wie ein Hund. Aber der Aufbau war so unglaublich komplex und filigran. Eugene hat das wirklich alles selbst gemacht? Ich muss gestehen, trotz meiner misslichen Lage, bin ich kurz beeindruckt. Es ist jedenfalls keine Schande, so eine Maschine beseelen zu dürfen. Andererseits hänge ich an meinem menschlichen Körper. Er hat viele Vorzüge, die eine Maschine einfach nicht besitzt.
„So, ich denke, wir fangen an, oder?“ Eugene klatscht in die Hände. Anscheinend will mir gerade genug Zeit geben, dass ich mir meiner Situation völlig bewusst werde. Er steht irgendwo hinter mir. Ich kann ihm nicht mal in die Augen sehen, als ich mit erbärmlichem Gebettel und Gewimmer versuche, sein verrücktes Herz doch noch zu erweichen. Tränen rinnen über meine Wangen, brennen unangenehm auf meinen Lippen, trotzdem schreie und heule ich weiter.
„Rufus, so kann ich mich nicht konzentrieren! Mach es uns beiden doch nicht so schwer.“ Eugene klingt wirklich genervt. Ich brülle lauter! Es bringt nichts. Als ich einen Moment innehalte, um Luft zu fassen, höre ich sein leises Gemurmel. Worte, die meine Seele aus meinem Körper ziehen werden und eine kalte, tote Hülle zurücklassen.
Ich kann schon spüren, wie die Kälte nach mir greift. Ein grelles Licht explodiert vor meinen Augen und gequält schreie ich auf. Etwas greift nach meiner Brust!
Als ich die Augen öffne, fühle ich mich … wie immer. Verwundert blinzle ich. Ich liege im Dreck und bin an Händen und Füssen gefesselt – wie gehabt. Ich bin noch ich?
„Rufus?“, höre ich Eugene unsicher fragen. Plötzlich springt die Maschine, die gerade noch leblos in der Ecke stand, über mich hinweg. Sie gibt einen seltsamen Laut von sich, so wie ein Gurren.
„Rufus!“, schreit Eugene diesmal. „Ich befehle dir, hier zu bleiben!“
Das Geräusch von splitternden Brettern macht klar, das „Rufus“ gar nicht daran denkt, auf Eugene zu hören. Ich grinse.
Keine Ahnung, was da passiert ist, aber offensichtlich bin ich aus dem Schneider. Eugene rennt nach draußen, seiner Kreatur hinter her. Mit einiger Kraftanstrengung schaffe ich es, mich in eine aufrechte Position zu hieven. Ich schaue auf meine Füße, um zu sehen, ob meine Fesseln wirklich zusammengeschweißt sind – sind sie nicht. Aber etwas Komisches liegt direkt vor mir. Mit leichtem Ekel stelle ich fest, dass es eine tote Taube ist.