Alles wie gehabt

“Mein Freund will ja, dass ich mal mit ihm Skifahren gehe.” Mimi legte ihren Kopf an Imogens Schulter, seufzte dabei. Ihre Füße platzierte sie auf dem Sitz gegenüber. Die alte Frau, die in der Sitzreihe gegenüber saß, warf ihr einen bösen Blick zu, sagte aber nichts. Mimi bemerkte den Blick nicht einmal.

“Wo ist das Problem? Ich dachte, du magst Skifahren.” Imogen scrollte auf ihrem Smartphone durch neue Twittermeldungen. Naja, neu … Sie hatte das Gefühl, jede Meldung mindestens schon fünf Mal gesehen zu haben. Was zum einen daran lag, dass jeder dasselbe schrieb. OMG Schnee. So Kalt. Mist Winter. Warum regen sich alle über das Wetter auf, Winter ftw. Geil, endlich Snowboarden. Zum anderen gab es im Internet nie etwas neues. Als sie auf die S-Bahn gewartet haben, hatte sie schon ihre Zeit damit tot geschlagen, durch ihre Timeline zu schauen. Seit dem hatte sich nicht wirklich etwas getan. Mimi war dabei wie eine akustische Untermalung gewesen. Sie sagte auch immer dasselbe. Warum ist es so kalt? Kann die S-Bahn nicht schneller kommen? Mein Freund hier. Mein Freund da. Was machst du im Winter? Findest du Schnee nicht auch so eklig? So nass und kalt? Viele Fragen, auf die Imogen beiläufig antwortete. Sie war gut im Multitasking.

“Was? Nein. Ich hasse Skifahren. Ich mag nur Snowboarden, aber mein Freund besteht darauf, dass Skifahren viel besser ist … und ich versteh einfach nicht, warum er nicht verstehen kann, dass ich das anders sehe.” Mimi seufzte wieder, schielte dabei auf das Display von Imogens Smartphone. Sie nahm es ihrer Freundin nicht übel, dass sie nebenher auf ihrem Handy herumdrückte. So war Imogen, sie musste immer mindestens zwei Sachen auf einmal machen, sonst langweilte sie sich. Mimi wusste, dass sie es nicht böse meinte.

“Meine Ex-Freundin hat mir nur einmal gezeigt, wie man Snowboard fährt. Sie hat das aber voll schlecht erklärt und meistens bin ich nur hingefallen …”, führte Imogen ihr einziges Wintersport-Erlebnis aus.

“Was meinst du mit Ex-Freundin?” Mimi setzte sich aufrecht hin, um Imogen genau anzuschauen. Diese hielt mit dem Scrollen inne, als wäre ihr jetzt erst aufgefallen, was sie gesagt hatte. Sie scrollte wieder weiter, immer noch den Blick auf das Display gerichtet.

“Meine Ex-Freundin. Sowie ein Ex-Freund.” Ihre Stimme klang dabei neutral. Sie hatte sowieso schon länger vorgehabt, sich vor Mimi zu outen. Imogen mochte nur nicht diese erzwungen Gespräche, die sie schon mit ihrer älteren Schwester und Mutter geführt hatte. Hey, uhm, hast du einen Moment Zeit, ich will über etwas wichtiges reden. Nein, nein, nicht schlimmes. So begannen keine guten Gespräche. Vor allem, weil Imogen es wirklich nicht so dramatisch fand.

Von Mimi kam keine Reaktion, also sah sie doch auf. Mimi hatte ihre Stirn gerunzelt, als wüsste sie nicht so ganz, wie sie die Situation einordnen soll. Was verständlich war, immerhin hatten sie sich dadurch kennen gelernt, dass Imogen mit Mimis Bruder zusammen gewesen war. Hatte nicht solange gehalten, aber die Freundschaft von Mimi blieb erhalten. Mimi mochte ihren Bruder aber auch nicht allzu sehr.

“Ich bin bi und wir müssen jetzt raus.” Imogen stand auf, steckte ihr Smartphone ein. Sie zog ihre Augenbrauen hoch. Mimi sah sie immer noch an, als wäre ihr ein zweiter – vermutlich bisexueller – Kopf gewachsen. Die S-Bahn hielt an. Imogen verdrehte die Augen und ging zur Tür, die sich in dem Moment öffnete. Was Mimi endlich dazu veranlasste, selbst auch die S-Bahn zu verlassen.

Imogen beobachtete, wie die S-Bahn davon fuhr. Die alte Frau warf ihnen beiden immer noch einen bösen Blick zu, was Imogen dazu veranlasste, ihr breit nach zu grinsen. Was sollte man sonst auch tun?

“Ich glaube, die mochte uns nicht.” Imogen nickte der S-Bahn nach. Nicht, das man so noch wissen konnte, wen sie damit gemeint hatte.

“Die alte Frau?” Also war es Mimi auch aufgefallen. Imogen war überrascht.

“Jub. Ich weiß nicht, was sie mehr schockiert hat. Deine Schuhe auf dem Sitz, oder ich.” Sie grinste immer noch. Imogen hatte zwar nicht die Angewohnheit, unhöflich zu alten Leuten zu sein. Aber sie mochte es nicht, wenn Leute nicht sagten, wenn sie etwas störte. Die alte Frau würde sich jetzt wahrscheinlich noch die nächsten zwei Wochen über die unflätige Jugend ärgern, aber hätte ihnen beiden auch gar nicht die Chance gegeben, es besser zu machen.

“Definitiv die Schuhe”, sagte Mimi mit einer Bestimmtheit, die teil ihres süßen Charmes war.

“Ich denke auch.” Imogen hatte ihre Hände tief in die Taschen ihres Parkers vergraben und schaute nach oben. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Was dachte sie eigentlich über Schnee? Sie wusste nur, dass sie Snowboarden nicht mochte.

Mimi hängte sich bei ihr ein, folgte ihrem Blick nach oben. Imogen lächelte. So hatte sie sich das vorgestellt. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg zu Imogens Wohnung, die zehn Minuten zu Fuß von der S-Bahnstation lag. Im Sommer hatte das noch so gewirkt, als wäre es gleich um die Ecke. Im Winter war die Strecke definitiv länger.

“Wie viele Freundinnen hattest du bisher?”, fragte Mimi schließlich.

“Eine.” Und nur drei Monate. Was Imogen nicht dazu sagte, immerhin machte es keinen Unterschied. Selbst wenn sie keine einzige Freundin bisher gehabt hätte. Es hätte nur das Outing-Gespräch etwas schwieriger gemacht. Sie erinnerte sich noch daran, als sie ihrer älteren Schwester davon erzählt hatte. Damals war sie nur in Sarah verknallt gewesen, hatte aber nicht gedacht, überhaupt Chancen zu haben. Ihre Schwester hatte darauf bestanden, dass sie gar nicht wissen könnte, ob sie bisexuell war, wenn sie nie mit einem Mädchen zusammen gewesen war. Was für ein Bullshit. Immer noch.

“Und Typen?”, fragte Mimi weiter. Sie genoß es ein wenig, ihr endlich mal mehr persönliche Fragen zu stellen. Imogen führte ungern persönliche Gespräche.

“Drei.” Imogen fand es leichter, eine Beziehung mit einem Kerl einzugehen. Man musste niemanden etwas erklären. Alles wie gehabt.

“Mhm…”, kam es von Mimi. Ihre Freundin wusste nicht, was sie mit dieser Antwort anfangen sollte, aber es klang nicht negativ. Den restlichen Weg zur Wohnung erzählte Mimi wieder, was sie gegen den Ski-Trip hatte. Imogen wusste nicht, wie sie ihr bei dieser Sache helfen sollte. Es gab Dinge, die konnte man nur für sich selbst entscheiden.

Mimi begleitet Imogen noch bis zu ihrer Wohnung. Sie selbst wollte noch weiter zu ihrem Freund, der noch zwei Straßen weiter wohnte. Sie würde mitkommen zum Skifahren, hatte sie beschloßen. Mimi gab Imogen zum Abschied, wie immer, zwei Küsschen auf die Wange, drückte sie kurz an sich.

“Bestimmt hab ich schon mit mehr Mädchen rumgeknutscht, als du”, flüsterte sie Imogen verschwörerisch zu, ein Glitzern in den Augen. Imogen lachte.

“Darauf möchte ich wetten! Richte noch Grüße an Max aus.” Imogen zwinkerte Mimi zu, sperrte die Haustür auf. Mimi winkte ihr breit grinsend zu, und machte sich auf dem Weg zu ihrem Freund.