Zwei Minuten Glück

Ich saß in der Küche meiner Drei-Zimmer-Wohnung. Am Fenster konnte man noch Eiskristalle von der Nacht sehen. Vor mir stand eine Tasse dampfender Kaffee, dessen Geruch sich mit dem von altem Zigarettenrauch mischte. Das klang alles so schäbig, war es aber nicht. Die nagelneue Küche im modernen Industriallook zeugte jedoch vom Geschmack meines Innenarchitekten. Das Einzige was nicht hinein passte, war die alte Uhr, die über dem Fenster hing. Ihre Zeiger waren auf drei Minuten vor halb neun stehen geblieben. Gefroren in der Ewigkeit. Die Batterien waren nicht leer. Genau genommen hatte sie nie Batterien gehabt. Normalerweise musste man sie aufziehen. Der Mechanismus dafür war kaputt. Was ich sagen will: Die Uhr war kaputt. Sie war es schon vor meinem Umzug gewesen, trotzdem hatte ich sie wieder eingepackt. Wie jedes Mal zuvor auch.
Ich hatte das Mal ausgerechnet, von 1440 Minuten am Tag ging sie zwei davon richtig. Zwei ganze Minuten! In dieser Zeit war sie eine gewöhnliche Uhr, bei der alles in Ordnung war. Manchmal dachte ich mir, dass sie Glück hatte, dass sie keinen Sekundenzeiger besaß. Sonst hätte sie nur zwei Sekunden am Tag, an der sie recht hatte. Aber ich glaube, meiner Uhr war das eigentlich egal. Ihr war immer alles egal, sie musste sich ja um nichts kümmern. Nur zweimal am Tag erwartete ich von ihr, dass sie mir die richtige Uhrzeit sagte. Ich würde die Person umbringen, die auch nur daran dachte, diese Uhr umzustellen oder sie gar wieder zum Laufen zu bringen.
Ich liebte die tote Uhr.
Mit etwas Überwindung riss ich den Blick von dem Ziffernblatt los, schaute stattdessen auf das Handydisplay. Es war Viertel vor Acht. Ich griff zur Zigarettenschachtel und zündete mir eine Kippe an. Gierig inhalierte ich den Rauch, pustete ihn etwas ruhiger wieder aus. Für einen Moment beobachte ich, wie der graue Dunst sich vor meiner Nase auflöste. Auf dem Küchentisch lag die Weihnachtskarte meiner Schwester. Sie schickte jedes Jahr eine, und ich ihr. Aufgeklappt hatte ich sie bisher nicht. Wir pflegten seit einer Weile eher sporadischen Kontakt. Es lag nicht daran, dass wir zerstritten wären. Wir hatten uns nur nicht viel zu sagen.
Die Karte meiner Eltern war noch nicht da.
Wahrscheinlich hatten sie es über ihre Reiseplanungen nach Hawaii vergessen. Wäre nicht das erste Mal. Ich würde mich nicht beschweren. Auch unser Verhältnis war kein schlechtes. Sie hatten mir sogar die Wohnung hier gekauft. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass sie zufriedener damit waren, nun wieder ihr eigenes Leben zu haben – eines, das sie nicht mit ihren Kindern teilen mussten. Das klang gemein, war jedoch nicht so gemeint. Uns hatte es nie an etwas gemangelt, zumindest nie an etwas Materiellem.
Ich blickte wieder zur Uhr. Ihre Zeit verging nicht.
Ehrlich gesagt, war ich ganz froh, dass niemand auf ein gemeinsames Weihnachten bestand. Es wäre kühl, distanziert und unpersönlich gewesen. Ein Spiegel meiner Kindheit. Eine Erinnerung, wie wir zu viert an dem antiken Esszimmertisch saßen, kam auf. Das üppige Festmahl hatte sich meine Mutter von einem Service zubereiten lassen. Unsere Haushälterin tischte mit einem Lächeln für uns auf. Für mich keine Bohnen im Speckmantel, weil ich keine Bohnen mochte. Ob das meine Mutter überhaupt gewusst hatte? Nach dem Essen waren wir pflichtbewusst in den festlich geschmückten Salon gegangen. Der Weihnachtsbaum war bereits mit bunten Kugeln, Girlanden und einer Lichterkette dekoriert. Nicht von uns. Darunter lagen Geschenke, die mittlerweile nur noch aus Geldgutscheinen bestanden hatten. Für etwas Persönliches waren wir uns zu fremd geworden, oder nie nah genug gewesen. Das war unser letztes gemeinsames Weihnachten – vor fast sieben Jahren. Danach war uns allen klar, dass in unserer Familie kein gemeinsames Weihnachten mehr geben würde. Es tat zu sehr weh, wie fremd man sich war. Oder tat es überhaupt noch weh? In jedem Fall wäre es verschwendete Lebenszeit. Aber das konnte man niemand zum Vorwurf machen. Wir hatten eben nicht das Zeug zu einer Familie.
Ich drückte die halbgerauchte Zigarette in meiner leeren Kaffeetasse aus und erhob mich. Ich wollte aus der Küche raus. Weg von der toten Uhr. Genug deprimierende Einblicke in meine Vergangenheit für heute.
In solchen Momenten mochte ich die Uhr nämlich nicht mehr. Sie war wie eine Zeitkapsel, hielt Erinnerungen gefangen, um sie rücksichtslos auszuspeien, wenn man sie am wenigstens wollte. Ihre Glanzstunde … Minute. Ob meine Großmutter sie mir wohl deshalb geschenkt hatte? Damit ich etwas hatte, was Vergangenes für mich verwahrte? Sie hatte mir die Uhr zu meinem Auszug aus dem Elternhaus gegeben. Auch damals schon hatte sie nicht funktioniert. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, warum sie mir das Teil überlassen hatte. Es gab keine Geschichte dazu, zumindest keine die ich kannte. Ich verstand aber auch nicht, weshalb ich trotzdem so sehr an dem alten Stück hing. Sonderlich sentimental war ich nämlich nie gewesen.
Im Wohnzimmer ließ ich mich auf die Couch fallen, schaltete in der Bewegung noch meinen 60″ Flachbildfernseher ein. Es war Heiligabend. Für Leute wie mich musste jetzt einfach etwas im Fernsehen laufen. Kurz überlegte ich, ob Leander jetzt wohl auch auf dem Sofa sitzen würde und sich durch das Programm zappte. Vermutlich nicht. Er war ein Familienmensch, bestimmt saß er munter quasselnd mit seinen Eltern und seinen Brüdern am Tisch, während sie sich Kartoffelsalat und Würstchen aufluden.
Letzte Woche hatte er nach drei Jahren Beziehung Schluss mit mir gemacht. Sein verheultes Gesicht schob sich vor mein inneres Auge. Verwuschelte Haare, weil er die Hände darin vergraben hatte. Augenringe, als hätte er nächtelang wach gelegen, bevor er zu dieser Entscheidung gekommen war. Eine Träne hatte sich auf seine vollen, roten Lippen geschlichen. Er hatte ausgesehen, als hätte ich die Beziehung beendet, nicht er. Genau genommen, hatte ich den Eindruck, als würde er darauf warten, dass ich ihm von seinem Entschluss abringe. Stattdessen war meine Miene ausdruckslos gewesen, kein Wort kam über meine Lippe. Jedoch hatte ich daran gedacht, wie schön es wäre, die Träne von seinen Lippen weg zu küssen. Aber auch das hatte ich nicht gemacht. Nichts hatte ich getan.
Ich verbrachte Weihnachten sowieso lieber alleine. Allein mit mir und der Uhr.
Die erste Minute, in der ich richtig funktioniert hatte, war mit der Trennung nun vorbei. Eine Minute, die drei Jahre angedauert hatte. Aber die Zeit nahm ihren Lauf, Glück war vergänglich. Ob es wohl nochmal dieselbe Zeit dauerte, bis ich wieder meine Minute hatte, bei der alles richtig war? Das wären achtundzwanzig Jahre. Das war lang, und eine Minute so kurz.
Und dann wäre wieder Heiligabend und ich würde alleine in der Küche sitzen, mit dem Wissen, dass die zweite Minute meines Lebens nun vorbei war. Und ich damit nicht mehr weiter von Bedeutung war. Nie wieder den richtigen Moment erwischen würde.
Ich seufzte und zappte mich gelangweilt durch das Programm. Es gab nicht wirklich etwas, was ich sehen wollte. Überall nur Filme, die von glücklicher Familienidylle und warmherzigen Menschen erzählten. Es kotzte mich an. Auch, weil es mich so ärgerte. Eigentlich sollte mir Weihnachten egal sein. Ich war für ein Fest der Liebe viel zu unsensibel, zu unterkühlt, zu wenig sentimental. Das wurde mir nur so selten vorgehalten, wie zu dieser besinnlichen Zeit. Vielleicht waren mir deshalb diese Feiertage nicht egal. Womöglich wollte ich deswegen alleine sein, keine Geschenke bekommen und keine lieblosen Karten von einer lieblosen Familie. Weihnachten war für mich das Fest der Einsamkeit.
Unruhig stand ich wieder von der Couch auf, ich ließ den Fernseher einfach auf irgendeinem Sender laufen. Ich wollte keine Stille um mich haben. Nachher war es ruhig genug. In der Küche zündete ich mir eine weitere Zigarette an, starrte auf die Uhr, während ich den Rauch inhalierte.
Wenn sie nur wieder gehen würde. Das dachte ich manchmal. Wenn sie nur wieder ticken würde, dann wäre alles okay. Ich hasste mich für den Gedanken. Es war naiv und einfältig so etwas zu denken. Die Uhr ging eben nur zweimal am Tag richtig. Dafür würde sie das auf ewig tun.
Erst hatte ich mich wieder an den kleinen Esstisch gesetzt. Aber dort hielt es mich nicht lange, ich stand auf. Ruhelos tigerte ich auf den kalten Fließen auf und ab. Ich war schon immer ein eher nervöser Mensch gewesen und die vielen Kippen und die Tonnen an Kaffee, die ich in meinem Leben bereits in mich reingeschüttet hatte, hatte den Zustand nie verbessert.
Leander hatte mal gesagt, bei mir hätte man immer den Eindruck, als würde ich auf etwas warten. Er hat nie herausgefunden, auf was. Ich auch nicht. Vielleicht auf die Minute, in der ich richtig funktionierte. War Leander meine Minute gewesen?
Ich ließ mir von dem Smartphone die aktuelle Uhrzeit anzeigen. 8.26. Zufrieden lächelte ich. Gleich. Gebannt starrte ich abwechselnd auf das Handydisplay und die Uhr. Fast als wäre es das Ticken der Uhr, klingelte es an der Tür.
Leander.
Er hatte einen Hang zur Dramatik. Er wusste auch, wie sehr ich jedes Mal dieser Uhrzeit entgegenfieberte. Ich ließ mir aber Zeit damit, zur Tür zu gehen. Noch immer zog der Schmerz über die Trennung in meinem Herzen. Langsam öffnete ich die Tür und da stand er. Ein hässlich verpacktes Geschenk in der Hand. Ein schiefes Grinsen im Gesicht.
„Hallo, Konstantin“, sagte er leise. Das Päckchen hatte er bestimmt selbst eingepackt, damit es mehr Liebe ausstrahlte. In braunes Packpapier eingeschlagen. Die Kanten waren schief. An den Ecken knüllte sich Papier leicht. An den Stellen, wo üblicherweise ein Klebefilmstreifen reichte, klebten mindestens zwei. Leander machte das offensichtlich nicht oft. Wenn das seine Liebe symbolisierte, war sie etwas schief und sehr schlicht. Ehrlich gesagt, war das schon mehr, als ich verdient hatte. Ich lächelte, lehnte mich aber mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. Ich war nicht bekannt dafür, es jemanden leicht zu machen. Leider.
„Für mich?“, fragte ich, deutete auf das Geschenk. Er verdrehte kurz die Augen, glich das aber mit diesem sanften Ausdruck in seinem Gesicht aus.
„Es tut mir leid …“, sagte er leise. Ich nickte.
„Ich weiß.“ Natürlich wusste ich das. Leander hatte ein weiches Herz, wo meines kühl war. Er hatte die Geduld, die ich nie in mir finden konnte. Im Grunde hatte ich immer darauf gewartet, bis er es nicht mehr mir aushielt. Unsere Zeit vorbei war. Ich machte nun einen Schritt beiseite, um ihn hinein zu lassen. „Mir auch.“
Erstaunt blieb er stehen, drehte sich zu mir um. Mit einer Entschuldigung hätte er nicht gerechnet. Auch dafür war ich nicht bekannt. Leider. Möglicherweise war es aber mal an der Zeit, etwas zu ändern. Ein Strahlen breitete sich auf seinem wunderschönen Gesicht aus. Fast so, als hätte ich ihm ein langersehntes Geschenk überreicht. Als würde er genau verstehen, was diese zwei kleinen Wörter für mich – für uns – bedeuteten. Leander fing anzulachen, zog mich in eine Umarmung und küsste mich. Es fühlte sich an, als würde ich nach einer langen, mühsamen Reise endlich heimkommen. Nur seine Küsse konnten das.
Vielleicht verstand ich die Sache mit der Uhr völlig falsch. Vielleicht war Leander einfach nur die zwei Minuten Glück, die immer wieder kamen.