Zwischen den Zeilen

Fiona hatte eine beste Freundin. Sie hieß Antonia. Wenn man sie beschreiben würde, wäre subtil nicht unbedingt das Erste, was einem zu ihr einfallen würde. Eher das Gegenteil. Ihr Lachen war laut und schallend. Betrat sie den Raum, wusste jeder, dass sie da war. Sie war präsent. Außerdem direkt und ehrlich, in dem was sie sagte. Antonia hatte ihr einmal erklärt, dass es ihr wichtig war, dass man sie verstand, warum sie etwas tat. Fiona hatte diese Seite an ihr immer sehr löblich gefunden. Ehrlichkeit. Das konnte nicht jeder.

Deshalb konnte es niemand Fiona zum Vorwurf machen, dass sie das ziemlich falsch verstanden hatte, als Antonia sie ins Kino eingeladen hatte. Ins Kino ging die ganze Clique gern. Ladies Night! Natürlich hatte Fiona auch die anderen Mädels gefragt. Da es Vorweihnachtszeit war, liefen zum Glück ein paar spannende Blockbuster, die sich am besten mit Popcorn gucken ließen.
Ihren Fehler bemerkte Fiona, als sie ihre beste Freundin auf hohen Schuhen durch die Drehtür staksen sah. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass Antonia so etwas hatte. So wie sie sich darin bewegte, konnte das jedoch noch nicht lange der Fall sein. Auffällig waren auch der rote Lippenstift und die Smokey Eyes, die sie wie eine Femme fatale aussehen ließen. Die glatten, dunklen Haare hatte sie kunstvoll hochgesteckt. Dazu trug sie eine niedliche weißen Bluse und einen schwarzen Rock. Das Einzige, was nicht zu diesem glanzvollen Auftritt passte, war der leicht entsetzte Ausdruck, als Antonia die Clique entdeckte.
„Für wen hat sich Toni den so schick gemacht?“, hatte einer ihrer Freundinnen zu Fiona geflüstert.
„Keine Ahnung, vielleicht für uns?“, hatte sie geantwortet. Ein flaues Gefühl im Magen. Weshalb sie ihrer besten Freundin auch ein entschuldigendes Lächeln zu warf.

Als eine Woche später ein pinker Blumentopf in Herzform mit einem kleinen Röschen und Efeu verziert im Schnee vor der Haustür von Fionas Familie gestanden hatte, war nicht nur sie überrascht. Es lag nämlich eine Karte mit sehr aussagekräftigen Inhalt dabei. „Hey Fiona!“ Danach waren einige Wörter durchgestrichen, die man aber noch etwas erkennen konnte. Ich. Du. Blumen sa. Mehr nicht. Nicht einmal eine Unterschrift.
Ihre Schwestern löcherten sie den ganzen Abend, den nächsten Morgen und dann nochmal am Abend, von wem den die Blumen waren. Auch noch Rosen! Fiona hatte eine Vermutung, vor allem weil ihr die Schuhabdrücke im Schnee sehr bekannt vorgekommen waren. Die passten zu den Lieblingsstiefeln von Antonia, in deren Profil die Markennamen eingearbeitet waren. Jetzt klar sichtbar im Schnee. Ihre Schwestern waren zum Glück nicht so schlau.
Fiona war sich dafür nicht sicher, ob sie ihre beste Freundin am nächsten Tag in der Schule darauf ansprechen sollte. Sie entschied sich dagegen, unsicher, ob sie so einer Unterhaltung bereits gewachsen war. Ein weiterer Grund war auch, dass Antonia kaum noch mit ihr sprach. Sich immer wieder mitten im Satz selbst unterbrach, um zu schweigen. Ungewöhnlich für sie. Irgendwie beunruhigend fremd.

Fast so sehr, wie das Gespräch, das sich eine Woche vor Weihnachten ereignete. Fiona stand mit Pyjama und Häschen-Plüsch-Hausschuhen in der Tür, sah Antonia entgeistert an.
„Kaffee trinken? Jetzt? Ernsthaft, Toni? Kaffee?“ Sie zog seine Augenbrauen hoch, bedachte die besagte Freundin mit einem skeptischen Blick.
„Meinetwegen Cola?“, schlug Antonia zaghaft vor, ließ dabei aber die Schultern hängen, als hätte schon aufgegeben. Das tat irgendwie weh zu sehen. So kannte sie ihre Freundin einfach nicht.
„Wir haben Cola hier, wenn du welche willst.“ Fiona nickte Richtung Küche. Antonia hatte gerade an der Tür geklingelt, um neun Uhr abends. Um mit ihr Kaffee trinken zu gehen. Zugegeben, das Mädchen hatte noch nie ein besonderes Talent für gutes Timing, das hier jedoch … Es tat Fiona wirklich leid, sie hätte gerne etwas anderes gesagt. Aber sie blieb stumm.
„Nein, nein, schon gut. Ich … geh wieder heim. Bis morgen.“ Antonia lächelte noch verunglückt, hob ihre Hand zum Abschied und verließ das Grundstück mit einem Gang, wie ein geprügelter Welpe. Fiona konnte nur seufzen.
Sie wünschte, die Situation wäre einfacher. Aber ihr war die ganze Sache nicht geheuer. Dass Antonia so … anders geworden war, gefiel ihr nicht. Sie vermisste ihre beste Freundin. Außerhalb der Schule hatten sie schon ewig nichts mehr gemacht, wenn man von dem Kinobesuch absah. Was aber – zu Fionas Verteidigung – daran lag, dass Antonia sich für gewöhnlich selbst einlud oder die Pläne schmiedete. Fiona hatte das immer begrüßt, vor allem weil ihre beste Freundin sowas richtig gut konnte. Gut, Filmabende und Zockernächte waren kein Kunststück, manchmal jedoch kam Toni auf ganz abgefahrene Ideen, wie eine … Nachtwanderung. Klar, Nachtwanderung klang auch banal, aber sie waren einfach der Hammer, wenn man ohne Taschenlampe und nur mit Mondlicht im Wald unterwegs war. Da bekamen knackende Äste und raschelnde Büsche eine ganz andere Atmosphäre. Fiona war sich nicht sicher, ob er in seinem Leben schon so viel Angst hatte. Sie hatte jede Minute genossen! Genau wie die Biking Tour zum Rockside letztes Jahr. Auch ein Plan von Antonia und völlig hardcore. Vier Tage quer durch Deutschland, nur mit ihren Bikes und Rucksäcken. Das Festival danach war die pure Erholung gewesen – und zum Glück waren ihre Freunde mit dem Auto gefahren und hatten Zelte und Proviant dabei gehabt …
Aber ernsthaft, Fiona mochte Antonias Pläne. Sie mochte viele Dinge an ihr. Allen voran, ihre Ehrlichkeit, ihren Mut und diese „Scheiß auf andere Leute, wir machen unser Ding“- Einstellung. Nur schien gerade das alles nicht da zu sein. Antonia war im Moment nicht Antonia und Fiona war sich nicht sicher, ob sie deshalb nicht ein schlechtes Gewissen haben sollte.
Das nächste Mal, als sie sich beide alleine sahen, war am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien. Antonia hatte sie einfach nach dem Schulgong für Schulschluss am Arm gepackt und von ihren Freunden weg gezehrt. Ohne ein Wort der Erklärung. Dafür mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck und Fiona konnte spüren, dass ihre Freundin zitterte. Als sie an einer ruhigen Ecke des Pausenhofes standen, ließ Antonia endlich von ihr ab und streckte ihr im Gegenzug die Hand hin – mit einem Geschenk.
„Du hast nicht ernsthaft einen Ring für mich gekauft?!“ Fiona starrte verwirrt auf den sehr schlichten Silberring, der in Antonias ausgestreckter Hand lag. Harmlos und unschuldig, sah dieses kleine, teuflische Dinge aus. Das Mädchen hatte aber den Kopf gesenkt, so dass ihre Haare das Gesicht zumindest zum Teil verdeckten. Fiona konnte trotzdem erkennen, wie sich eine feine Röte über die Wangen zog. Und auch, wie ihre Hand zitterte. Hätte sie den Ring genommen, hätte sie bemerkt, dass Antonias Hand völlig verschwitzt war, obwohl es wirklich kalt hier draußen war und sie keine Handschuhe trug.
„Bitte nimm den Ring …“ Tonis Stimme war leise und verzweifelt. Sie war am Ende angekommen, Fiona merkte ihr das an. Ihre mutige, dreiste Toni.
Fiona sah auf den Ring. Er sah teuer aus, edel. Sie trug eigentlich keine Ringe, generell keinen Schmuck. Sie hatte nicht einmal Ohrlöcher. Und er bedeutet so viel mehr, als so ein kleines, rundes Ding sollte. Sie schluckte. Was sollte sie denn nun tun?
„Ich, Toni …“ Ein Seufzen entfuhr Fiona. Sie fuhr sich nervös durch die Haare. Das war eine … heikle Geschichte. Kamen Ringe nicht erst viel, viel, viel später. Viel später?
„Bitte …“ Das Flehen in Antonias Stimme war nicht mehr zu überhören. Sie war den Tränen mehr. „Ich weiß sonst nicht mehr weiter.“
Fiona ging einen Schritt auf sie zu, legte ihre Hand auf die von Antonia und zog sie mit einem Ruck zu sich. Ein breites Grinsen im Gesicht. Völlig überrascht brauchte das andere Mädchen einen Moment, um auf den Kuss von Fiona zu reagieren. Der Kuss selbst war etwas hektisch, nervös. Was auch daran liegt, dass Fiona sich nicht ganz sicher war, was sie da gerade machte. Aber irgendwie so würde das bestimmt richtig sein. Es fühlte sich jedenfalls richtig an. Außerdem vergrub Antonia ihre freie Hand in Fionas Haare, zog sie näher an sich. Nur widerwillig lösten sie sich voneinander. Zu viel lag noch ungesagt zwischen ihnen.
„Toni, ich sag dir jetzt etwas, was unheimlich wichtig zwischen uns sein wird“, bereitete Fiona ihre beste Freundin nun auf die nächsten Worte vor. „Versuch nie wieder, wirklich never ever again, subtil zu sein. Okay? Nie wieder. Und keine Blumen mehr. Abby hat die Rosen schon gefressen …“
Mit Tränen in den Augen fing Antonia an zu lachen. Pure Erleichterung. Fiona wusste nicht, ob sie schonmal so etwas Schönes gesehen hatte.
„Die Blumen sind gestrichen, und ich hoffe, sie hat es überlebt.“ Toni lachte, wischte sich die Freudentränen aus den Augen, bevor sie ihre Finger miteinander verschlang. Ein ernster, gefasster Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. „Ich mag dich, Fiona.“ Mit den Worten verschwand die Ernsthaftigkeit, stattdessen strahlte Antonia über das ganze Gesicht. So hatte sich Fiona vorgestellt. Genau so. Ehrlich, offen, wunderschön. Sie akzeptierte sogar, dass das Mädchen ihr den Ring in die Hand drückte. Den viel zu teuren Ring.
„Du … du willst aber nicht, dass ich ihn trage, oder?“, fragte sie vorsichtig, starrte nun auf das Stück Metall in ihrer Hand. Sie hatte Angst vor den Fragen, die kommen würden. Die Antworten, die sie geben müsste. Es bedeutete einfach zu viel zu früh. Antonia fing anzulachen.
„Ich will nur, dass du ihn behälst“, sagte sie. „Ehrlich gesagt, dachte ich mir schon, dass äh … er etwas zu viel ist. Ich wollte nur … dass du mich verstehst.“ Antonia hat nun wieder ihr typisches Lächeln im Gesicht. Und Fiona dachte kurz, dass sie vielleicht diesen Ring einmal tragen würde. Deshalb schob sie ihn in ihre Manteltasche. Sie schaute zu Toni, die sie entspannt und glücklich beobachtete. So kannte sie ihre beste Freundin. Ihre feste Freundin? So war Antonia. Entspannt und glücklich und ehrlich und fantastisch.
„Soll ich, also soll ich … auch was sagen?“, fragte Fiona schließlich. Nervös bei dem Gedanken. Würde sie überhaupt, etwas über die Lippen bringen? Mutig und direkt, das waren nie ihre Stärke gewesen – Antonia übernahm das normalerweise für sie beide.
„Nah!“ Toni winkte ab und zog sie nochmal zu einem Kuss heran. Antonia brauchte keine gesprochenen Liebesgeständnisse. Sie verstand es nämlich, wenn Fiona subtil war.