Wenn noch einmal diese total bekloppte „Last Christmas“-Scheiße lief, würde ich den nächst besten erschießen. Also mal ehrlich. Ich war hier in einer Disco und die hatten nichts Besseres zu tun, als Weihnachtsmusik zu spielen?! Gut, in zwei Tagen war Heiligabend, aber das war trotzdem kein Grund, mich damit zu foltern.
Ja, es gab auch Leute, die Weihnachten nicht mochten. Wobei, nicht mögen vielleicht übertrieben war, ich ließ es nur gerne an mir vorbeiziehen. Ich hatte kein Geld, um Geschenke zu machen und keine Freunde, um welche zu bekommen. Oh, diese tragische Welt …
Da ich nicht so darauf stand, mich in Selbstmitleid zu ersäufen, hatte ich beschlossen, Party zu machen. Dazu musste ich die Wohnung verlassen, was wiederum zu Wärme führte, weil es überall wärmer war, als in meiner beknackten Einzimmerwohnung. Klar, „my home is my castle“. Aber Schlösser konnten verdammt zugig sein, und wenn man keinen Schlosswächter hatte, der einem die kaputte Heizung reparierte, war man erst recht gefickt.
Im Moment stimmte mich zum Glück bessere Musik ein wenig versöhnlicher. Der Bass vibrierte durch meinen Körper. Wie von selbst bewegte ich mich zu dem rasanten Rhythmus. Ich ließ mich in den schnellen Beat fallen, hatte endlich wieder das Gefühl etwas zu spüren. So fühlte sich Leben an! Wie konnte eigentlich der gleiche DJ, der so geilen Sound auflegte, auch Weihnachtslieder spielen? Aber darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken. Nachdenken und Tanzen vertrug sich nicht.
Als ein unerträglich langsamer Schmusesong kam, torkelte ich zur Bar, um meinem Körper alkoholischen Nachschub zuzuführen. Wenn ich noch etwas betrunkener wäre, könnte ich vielleicht sogar zu einem Weihnachtslied tanzen und hey, das musste man erst mal hinkriegen!
„Soll ich dich einladen?“ Eine dunkle Stimme war dicht an meinem Ohr. Ich zuckte erschrocken zusammen. Ein Typ mit irritierend blauen Augen lächelte mich an.
Erster Gedanke: was für eine Tucke!
Zweiter Gedanke: Der könnte Zahnpastawerbung machen. Er schaute mich immer noch erwartungsvoll an. Klar, der hatte mich ja was gefragt. Ein Leben hinter der Zeit, wenn ich besoffen war. Ich nickte. Einladen fand ich gut, sparte Kohle. Ich grinste zurück. So ein umwerfendes Lächeln wie meines würde sicher zu einem teuren Cocktail führen. Tatsächlich stellte mir Mister Strahlemann ein paar Minuten später einen hübschen, blauen Drink vor die Nase, dem man den Alkoholgehalt förmlich ansehen konnte.
Ich prostete ihm zu, wir lehnten beide an der Bar und beobachteten die anderen Leute.
„Und was treibst du so?“, fing der Kerl ein Gespräch an. Was ich trieb? Im Moment gar nichts und vor allem mit niemanden, leider. Hm, Sex wäre eine coole Alternative zu dem Abend hier. Ich zuckte als Antwort nur mit den Schultern.
„Bist von der gesprächigen Sorte, hm?“ Ich bekam ein amüsiertes Grinsen. Machte er sich über mich lustig? Ich schaute ihn mit einem skeptischen Blick an.
„Was willst du eigentlich von mir?“ Ich war charmant wie immer. Schön und gut, er hatte mich eingeladen. Meine Gesellschaft schien er zu genießen, auch ganz toll. Aber prinzipiell würde ich sagen, der Typ wollte mich gerade abschleppen. Hm, ein Cocktail mehr und er hätte vielleicht eine Chance.
„Weiß nich, du gefällst mir.“ Überraschend ehrlich. Er war auch nur leicht rot geworden bei dem Satz. Hm, schien wohl noch nicht solange geoutet zu sein, oder war der einfach nur schüchtern? Entzückend. Ich nickte. Klar, wem würde ich nicht gefallen? Dieser gammelige Look, die Haare, die schon längst mal einen neuen Schnitt bräuchten oder zumindest mal irgendeinen Schnitt. Hatte ich mich heute überhaupt rasiert, oder gestern? Keine Ahnung.
„Was machst du so, kurz vor Weihnachten alleine in einer Disse?“ Er versuchte, die Konversation weiter am Leben zu erhalten. Er war so tapfer.
„Weihnachten hassen“, antwortete ich knapp.
„Oh …“ Das schien ihn zu überraschen, als sei ich der einzige Mensch auf Erden, der das Fest der Liebe und Harmonie und Blablabla nicht ausstehen konnte. Bestimmt gab es noch mehr Leute wie mich und wir waren sicher nicht so wenige, wie uns die Medien immer glauben machen wollten.
„Warum? Ich mein, du verbringst Zeit mit deiner Familie und Freunden, bekommst Geschenke und der ganze Kram. Das ist doch toll!“
Und da war wieder einer von diesen unverbesserlichen Weihnachtsanhängern. Ich runzelte die Stirn, schaute ihn an und fragte mich, ob er wusste, was für ein beschissen tolles Leben er hatte, dass er gerade diese Feiertage so mögen konnte? Vielleicht war er auch nur rundweg naiv. Ich verdrehte nur die Augen zur Antwort. Totaler Konversationskiller, aber ich konnte mir das leisten.
„Nur Leute, die keine Freunde haben, reagieren so“, wurde mir erklärt.
„Exakt.“
Ich hatte keine Freunde, und? Die kosteten Geld, Zeit und Nerven und nichts davon hatte ich. Niemand würde sich etwas anschaffen, was er sich nicht leisten könnte. Das wäre so, als wäre ich Hartz IV-Empfänger und wurde in einer Luxussuite wohnen. Ganz davon abgesehen, dass mir der Staat das nicht gestatten würde. Glaubt mir, damit kannte ich mich aus.
„Komm, das ist nicht dein Ernst, oder? Du hast doch bestimmt noch Verwandte!“ Ich bekam tatsächlich Mitleid und war etwas verdutzt deshalb. Er legte mir seinen Arm um die Schulter. Ich war viel zu irritiert, um überhaupt darauf zu reagieren. Verdammt, ich war nicht traurig darüber niemand zu haben. Wenn ich wollte, könnte ich mit zigtausend Leuten befreundet sein. So! Nein, ernsthaft, ich war eine tolle Persönlichkeit! Manchmal … Ich schüttelte seinen Arm ab, hatte die Lust an ihm verloren.
„Ich verpiss mich“, murmelte ich und verschwand Richtung Garderobe. Sollte er sich doch jemand anderen suchen und ihn mit seinem Weihnachtsscheiß zu nölen. Ich hatte auf jeden Fall die Schnauze voll und wollte heim. Und wenn ich meine kalte, eisige Wohnung einer kuschelig warmen Disse vorzog, sollte das wirklich was heißen!
„Hey, warte doch mal!“
Nein, nicht ernsthaft, oder? Er war mir tatsächlich nachgelaufen. Ich seufzte, beschleunigte etwas mein Schritttempo. Was allerdings nicht allzu einfach war, da der Boden hier dank Schnee und Frost recht glatt war.

Schlitternd erreichte mich der Typ, grinste breit. War ihm nicht klar, dass er gerade volle Röhre bei mir abgeblitzt war?
„Ich lass dich auch mit Weihnachten in Ruhe! Versprochen!“ Er lächelte mich an und ich hatte Angst von dem Strahlen seiner Zähne geblendet zu werden. Aber es war ein Angebot.
„Du musst echt scharf auf mich sein.“
Er wurde wieder leicht rot um die Nase. So sah er jünger aus, als er eigentlich sein konnte, grinste schließlich frech. „Möglich.“
Ich schüttelte den Kopf. Komischer Kerl, aber wenn er nicht gerade über irgendwelche Feiertage redete, könnte er sogar okay sein.
„Ich bin übrigens Dave.“
„Mhm“, nahm ich den Namen zur Kenntnis. Wahrscheinlich hieß er eigentlich David, deutsch ausgesprochen, und hoffte, dass er mit dem Spitznamen cooler rüber kam. Mir war es egal.
„Und du?“
Ich tat so, als hätte ich seine Frage nicht gehört. Es wurde doch nur alles kompliziert, wenn man sich näher kennenlernte. Mein Namen wäre schon zu viel Information. Außerdem war mir nicht nach Konversation.
„Okay, dann erzähl ich dir einfach ein bisschen was über mich.“ Da war ja jemand unerschütterlich. Ich musste sagen, ich war fast beeindruckt von ihm.
„Hm… was könnte dich interessieren?“ Er machte eine Pause, um mir eine Chance zu geben, mich noch in die Unterhaltung einzubringen. Ich ließ die Gelegenheit vorbeiziehen, so musste ich einen wahnsinnig aufregenden Monolog über mich ergehen lassen. Es war dermaßen spannend, dass ich bereits alles vergessen hatte, als wir vor meinem Wohngebäude standen. Was für eine Quasselstrippe.
„Hier wohnst du?“, fragte er, leichte Abscheu lag in seiner Stimme. Von außen sah das Gebäude doch gar nicht so schäbig aus. Von innen übrigens schon.
„Sieht so aus.“ Ich war in versöhnlicher Stimmung. Wenn das alles auf Sex hinauslief, wäre es wenigstens eine Entschädigung dafür, dass er mir mit seinem Gelabere beinahe ein Ohr abgeknappert hätte. Ich schloss die Eingangstür auf und sah, wie er zögernd davor stand. Ich konnte mir gerade noch meinem üblichen Anmachspruch „Ficken?“ verkneifen. Ich hatte das Gefühl, der würde bei … Dave – der Name hatte schon etwas tuntiges an sich, oder? – nicht ziehen!
„Willst du noch mit hochkommen?“ Klang sogar nett, was ich da sagte. Ich war stolz auf mich. Er nickte schnell und folgte mir dann ins Haus. Ich lief zielstrebig auf den altersschwachen Aufzug zu und drückte den Knopf, worauf hin sich das Teil scheppernd in Bewegung setzte. Schweigend fuhren wir in den obersten Stock und gingen die letzten Schritte zu meinem geheiligten Reich, der Gammelwohnung.
„Es ist recht kalt hier.“ Ah! Dave kurbelte wieder ein Gespräch an.
„Die Heizung ist kaputt“, erklärte ich kurzangebunden. Sollte immerhin wissen, auf was er sich gerade einließ, nämlich in einer verflucht kalten Wohnung genagelt zu werden. Von mir, der auch noch extrem besoffen war. Hm … selbst Schuld.
Er schaute sich um, hatte den Mantel und die Schuhe bisher jedoch anbehalten. Konnte man ihm nicht verdenken. In letzter Zeit hatte ich häufiger mit einer Jacke und zwei Decken geschlafen, um nicht einem Erfrierungstod zu erliegen. Aber Sex mit so vielen Klamotten könnte kompliziert werden. Hm, vielleicht sollten wir die ganze Sache auch abblasen. Hm, blasen … wäre das eine Alternative? Ich sah an mir herab, ein wenig ausziehen musste man sich dafür trotzdem. Mhm …
„Interessant hier“, murmelte Dave in Ermangelung eines echten Kompliments bezüglich der Wohnung. Er hatte immer noch große Augen, während er skeptisch mein wohl sortiertes Chaos betrachtete.
„Schon klar. Du, ich bin zu besoffen für Sex. Ich würde sagen, du machst wieder die Fliege“, erklärte ich ihm die Sachlage. Es war kalt hier, ich war kein Stück geil und fühlte mich etwas schäbig, einfach weil der Kerl hier in einem nicht abgewetzten Mantel stand, eine gute geschnittene Frisur hatte und rasiert war. Ihr wisst sicher, was ich meine.
„Oh.“ Er schaute mich erschrocken an. War ihm nicht klar gewesen, dass wir Sex haben sollten? Ich runzelte die Stirn. Fuck! Für heute war das echt zu viel. Ich schob ihn vor die Wohnungstür, murmelte einen „Schönen Abend noch“ und schloss sie hinter ihm ab.
Ich wollte nur noch pennen.

Da war er nun, der verheißungsvolle Tag aller Tage der Christenheit, oder was auch immer. Ich hatte für Heiligabend und die folgenden Tage einen grandiosen Plan. Er hatte mit viel Gras zu tun und mir, der das Zeug rauchte. Ich hatte mich gestern noch bei meinem freundlichen Dealer aus der Nachbarschaft gut eingedeckt. Dafür war das letztes Geld draufgegangen, aber der Monat war ja bald um, das ganze Jahr. Naja, irgendwie so.
Und jetzt saß ich hier, drehte mir einen Joint und hoffte, dass es mir von der Glut etwas wärmer wurde. Meine Finger zitterten beim Drehen. Was recht beschissen war, weil mir ständig etwas von dem Stoff auf den Couchtisch bröselte, anstatt auf das Paper. Aber ein Vollprofi wie ich würde sich davon nicht abhalten lassen. Gerade als ich das Teil fertig gedreht hatte, klingelte es an der Tür.
Wer auch immer das war, wusste nichts von Anstand. Schließlich war eine heilige Zeit und so, da störte man niemanden in seiner Einsamkeit. Ich schaute von meinem Joint zu Tür und wieder zurück. War eine harte Entscheidung. Was wenn es die Bullen waren? Aber an Heiligabend hatten die doch bestimmt frei, um ihre Uniformen zu bügeln oder was auch immer Polizisten in ihrer Freizeit machten! Andererseits, das Gesetz schlief nie! Ich glaube, das viele Kiffen machte mich etwas paranoid. Ich schob das Zeug vorsichtshalber unter das Bett, nur um sicherzugehen, und schlürfte dann zur Tür. Als ich sie öffnete, strahlte mir Zahnpasta-Man entgegen. Den hatte ich ja schon völlig verdrängt! Ich konnte mich auch nur noch grob an ihn erinnern. Er war in meiner Wohnung gewesen, da war ich mir sicher. Hatten wir miteinander geschlafen? Ich legte den Kopf schief, schaute ihn an. Ich wusste es nicht.
„Hey! Fröhliche Weihnachten!“, begrüßte er mich enthusiastisch, und ich wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen. Anscheinend hatte er damit gerechnet, weil er schnell in die Wohnung getreten war. Mist! Manchmal waren meine messerscharfen Reflexe einfach einen Deut zu langsam.
„Was willst du?“, murrte ich. Heute hatte ich wirklich keinen Bock auf Sex.
„Ich habe Geschenke für dich.“ Er hob eine weiße Tüte nach oben und ich starrte sie kritisch an.
„Was für Geschenke?“ Ich klang mir zu neugierig, aber ich hatte wirklich verdammt lange keine Geschenke mehr bekommen, und irgendwie hatte es doch einen gewissen Reiz.
„Erstmal das!“ Dave holte drei weiße Styroporschachteln aus der Tüte heraus, die verdächtig nach Essen aussahen. Essen fand ich gut. „Und dann das!“ Er kramte aus seinem Rucksack Werkzeug raus. Ich war verwirrt. Wollte er irgendwelche kranken Sado-Maso-Werkzeug-Scheiß abziehen? Definitiv ohne mich!
„Also, das Werkzeug selbst ist nicht das Geschenk. Aber ich denke, ich kann deine Heizung reparieren.“
Heizung reparieren? Das würde ja Wärme bedeuten! Das waren ja ganz neue Möglichkeiten! Nur mit einer Decke schlafengehen! Haare waschen ohne Angst, dass sie einem am Kopf festfroren! Da taten sich Welten auf, bei denen man nur staunen konnte. Er bemerkte wohl meine Begeisterung, er lächelte mich an. Im Moment fand ich ihn ernsthaft richtig toll.
„Warum machst du das eigentlich für mich?“, fragte ich ihn, während er begann, an der Heizung herumzuschrauben. Keine Ahnung, was er da eigentlich machte, aber viel kaputtmachen konnte er bei dem Teil nicht mehr.
„Hm?“, kam es etwas abgelenkt von ihm. Ich hatte das Gefühl, als hätte er mir nicht richtig zugehört. Wahrscheinlich wusste er selbst nicht genau, warum er mir half. Bestimmt nicht, weil er meinem einnehmenden Charme und meinem überragenden Aussehen verfallen war. Womöglich aus Mitleid. Eventuell litt er einfach an diesem komischen Helfer-Syndrom, dem ich nie etwas abgewinnen konnte. Naja, andererseits führte es dazu, dass ich gleich eine warme Wohnung haben würde, hoffte ich zumindest.
„Warum bist du hier?“, wiederholte ich meine Frage vereinfacht wieder.
„Weiß nicht. Wegen dir?“ Er saß am Boden und schaute jetzt zu mir hoch mit einem hinreißenden Lächeln im Gesicht und einem Schraubenschlüssel in der Hand. Ich musste zugeben, so nüchtern und mit einigermaßen klaren Versatnd war ich ein bisschen angetan von seiner Art. Deswegen erwiderte ich sein Strahlen mit einem schiefen Grinsen. Auch wenn ich seine Begründung eigentlich zu kitschig fand.
Als wir dann an meinem Couchtisch saßen und in der wohligen Wärme einer funktionierenden Heizung das lauwarme, mitgebrachte Essen futterten, konnte ich mir sogar vorstellen, ihn sympathisch zu finden.
„Weihnachten ist doch toll!“
Oder auch nicht …